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Israels 6-Tage-Krieg und danach

Wenn man in den deutschen Massenmedien nach einem Kommentar zum Sechstagekrieg sucht, der dessen Ursachen und Konsequenzen einigermaßen zutreffend und prägnant zu benennen weiß, stößt man auf einen bemerkenswerten Fund. Im Spiegel, dessen Redakteure Israel üblicherweise alles andere als wohlgesonnen sind, stand tatsächlich zu lesen, dass es vor allem die aggressive Rhetorik der arabischen Führer, der„Heilige Krieg der Araber“, der„panarabische Nationalismus“ und der„Aufmarsch der Araber“ gewesen seien, die „die Israelis so in die Enge“ getrieben hätten, „dass diese zum Präventivschlag gedrängt wurden“. Die „arabischen Gegner“ hätten dem jüdischen Staat „nicht ein Stück Land oder eine Konzession fortnehmen“ wollen, sondern „sie hatten es auf seine Existenz abgesehen“. Die Schlussfolgerung daraus: „Ein Land mit so ungünstiger Militärgeografie lässt sich nicht defensiv, sondern nur offensiv schützen. Um zu verhindern, dass die aufmarschierten arabischen Armeen das Land von allen Seiten zugleich angriffen, in mehrere Teile zerschnitten und die Verteidiger ins Meer trieben, rief General Dayan – wie 1956 – zum Angriff.“

Doch, doch: So stand es wirklich im Spiegel – vor vierzig Jahren, am 12. Juni 1967, verfasst von Rudolf Augstein unter dem Titel „Israel soll leben“Claudio Casula hat diesen Schatz fürSpirit of Entebbe wieder ausgegraben und auch daran erinnert, dass dem damaligen Herausgeber des Nachrichtenmagazins seine eigenen Erkenntnisse schon bald nichts mehr wert waren: „Wohl aber stand damals [1967] schon fest, dass Israel im technischen Sinne und für die Araber auch im moralischen Sinne der Aggressor war. Es wollte haben, was anderen gehörte und was ohne Krieg nicht zu haben war“, schrieb Augstein 1982. Heute gibt das Blatt seiner Rückblende die Überschrift „Der Sieg, der keiner war“ und lässt Christoph Schult befinden, die „Situation von damals“ sei längst „auf den Kopf gestellt“Der Sechstagekrieg habe „die Radikalen auf beiden Seiten gestärkt“ – die „Vertreter eines Groß-Israels“ wie die „extremen Kräfte“ auf „arabischer Seite“ –, doch während erstere noch immer stur seien, könne man in Bezug auf letztere Entwarnung geben: „Die Hamas fordert einen Rückzug Israels aus den 1967 besetzten Gebieten und hat sich längst von ihrer Rhetorik verabschiedet, ‚die Juden ins Meer zu treiben’.“ Diese Information hat er immerhin exklusiv für sich, um es zurückhaltend zu formulieren.

Doch der Spiegel ist erwartungsgemäß kein Einzelfall. Kaum ein Medium versäumt es, einen„Pyrrhussieg“ für Israel zu konstatieren, und paradigmatisch für die landläufige Sicht auf den Verteidigungsfeldzug des jüdischen Staates meint die FAZ allen Ernstes: „Zwar sind Islamismus, Djihadismus und Terrorismus nicht ursächlich mit dem Sechstagekrieg verknüpft (es gab sie schon viel früher), doch Israels glanzvoller Sieg, den die Muslime umgekehrt als weitere ‚Demütigung des Islam durch den Westen’ empfanden, verschaffte den radikalreligiösen Kräften im Islam endgültig jenen Zulauf, den zuvor der Arabismus und Nationalismus gehabt hatten. Die Fortdauer der Besatzung und deren Praktiken erlauben es selbst jenen Muslimen, die des Konflikts überdrüssig sind und eine Regelung wollen, sich mit den Fanatikern zu solidarisieren. Diese beherrschen heute weitgehend das Terrain.“ Dass diese angebliche „Demütigung des Islam durch den Westen“ darin begründet lag, dass sich Ägypten, Jordanien und Syrien aus freien Stücken daran machten, Israel per Angriffskrieg von der Landkarte zu radieren, schreibt die Zeitung für Deutschland nicht. Denn das würde in einen Konflikt mit ihrer Auffassung geraten, dass der jüdische Staat selbst schuld am Islamismus ist und diesem sogar vermeintlich moderate Muslime in die Arme treibt.

Da hierzulande also selbst grundlegende Fakten und Kenntnisse keine Selbstverständlichkeit sind, tun Basisbanalitäten zwangsläufig not. Das American Jewish Committee hat kürzlich eine Broschüre mit dem Titel 40 years after 1967 – Israel’s quest for peace: still a work in progress (40 Jahre nach 1967 – Israels Streben nach Frieden: immer noch in Arbeit) herausgegeben, die einen Überblick über die Ursachen des Sechstagekrieges, seinen Verlauf und seine Folgen bis heute gibt. Bernd Dahlenburg von Honest Reporting (deutsch) hat die Arbeit für Lizas Welt vollständig übersetzt.


American Jewish Committee

40 Jahre nach 1967

Vierzig Jahre nachdem es einen Krieg um sein Überleben geführt hat, ringt Israel immer noch mit dem Problem der Gebiete, die es während des Sechstagekrieges erwarb. Einerseits möchte es in Frieden und Wohlstand mit seinen arabischen Nachbarn leben – eine Priorität, für die Israel bereits einen bedeutenden Anteil Land abgegeben hat. Auf der anderen Seite sieht sich das Land ernsthaften Herausforderungen an seine Sicherheit gegenüber, denen es begegnen muss, damit es sich sicher fühlen kann, wenn es zusätzliches Land zurückgibt. Der vierz
igste Jahrestag des Sechstagekrieges bietet die Möglichkeit, sich die Umstände zu vergegenwärtigen, unter denen Israel in den Besitz dieser Gebiete kam, die Bereitschaft Israels zu prüfen, Land für Frieden zu geben, und die gegenwärtige Lage zu analysieren.


Im Gegensatz zu heute weit verbreiteten Behauptungen führte Israel den Sechstagkrieg gezwungenermaßen, nicht in Angriffsabsicht. Es antwortete nur auf die erklärten Absichten seiner Nachbarn, den jungen Staat zu vernichten. Der unmittelbare casus belli war die Sperrung der Straße von Tiran für israelische Schiffe, wie US-Präsident Lyndon Johnson nach dem Krieg bestätigte. Überdies trat Israel im Interesse des Friedens bedeutende Teile der Gebiete ab: Es gab den Sinai 1982 an Ägypten zurück und 2005 den Gazastreifen an die Palästinensische Autonomiebehörde (PA). Heute hält Israel die Westbank, wenn auch in eingeschränktem Umfang, während die PA die Autonomie über einen Großteil der Gebiete ausübt. Aber wie schon im Falle des Sinai und des Gazastreifens hat Israel auch hinsichtlich dieser Gebiete die Bereitschaft gezeigt, über Vereinbarungen nach dem Prinzip Land für Frieden zu verhandeln.

Unprovozierte Aggression

Nachdem sie 1948 damit gescheitert waren, den jungen jüdischen Staat zu zerstören, bildeten die arabischen Staaten Ägypten, Syrien und Jordanien eine Koalition und mobilisierten ihre Streitkräfte, um einen neuen Anlauf zu unternehmen. Im Mai 1967 vertrieb der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser die Uno-Friedenstruppen aus dem Sinai und setzte tausende ägyptische Soldaten und Panzer in Bewegung, um die entstandene Lücke zu schließen. Nasser verkündete: „Unsere elementare Zielsetzung ist die Zerstörung Israels. Die arabischen Völker wollen kämpfen.“ Für Israel, zahlenmäßig und waffentechnisch unterlegen, war der bevorstehende Angriff existenzbedrohend.

Der syrische Verteidigungsminister Hafez Assad proklamierte: „Unsere Streitkräfte sind nun vollständig vorbereitet – nicht nur, um die Aggression zurückzuschlagen, sondern um den Akt der Befreiung einzuleiten und die zionistische Präsenz aus unserer arabischen Heimat herauszubomben.“ Während sowohl Ägypten als auch Syrien ihre Streitkräfte an Israels Grenze zusammenzogen, wurde der jüdische Staat weithin wie ein David angesehen, der sich vor der Schlacht mit einem Goliath befindet.

Israel kämpft um sein Überleben

Am 22. Mai 1967 schloss Ägypten unter Missachtung der internationalen meeresrechtlichen Abkommen die Straße von Tiran für alle israelischen Schiffe. Im Jahr 1957, als es sich im Tausch gegen das Nichtangriffsversprechen Ägyptens aus dem Sinai zurückzog, kündigte Israel an, dass eine neuerliche Sperrung der Straße, die dem Suezkrieg vorangegangen war, als Kriegshandlung betrachtet werden würde. Die Straße war ein anfälliger Verkehrsweg für den israelischen Handel – besonders für seine Ölimporte – über das Rote Meer.

Im Mai 1967 scheiterten diplomatische Bemühungen der USA, der Sowjetunion und der Uno, Nasser davon zu überzeugen, die Straße zu öffnen. Weil es nicht in der Lage war, seine Armee als Antwort auf die Mobilisierung arabischer Staaten auf unbegrenzte Zeit im Mobilisierungszustand zu halten, und angesichts einer militärischen Allianz, die jetzt Ägypten, Syrien, Jordanien und den Irak einschloss, führte Israel am 5. Juni 1967 einen Präventivschlag gegen Ägypten. In einem Überraschungsangriff am frühen Morgen zerstörte die israelische
Luftwaffe den Bestand ägyptischer Kampfflugzeuge noch am Boden. In vier Kampftagen schlug die israelische Armee die ägyptischen Streitkräfte im Sinai und im Gazastreifen und nahm beide Gebiete ein.


König Hussein greift trotz Friedensangebot an

Am Morgen des 5. Juni sandte Israel – darauf bedacht, es nicht zu Feindseligkeiten mit Jordanien kommen zu lassen – eine Mitteilung an König Hussein, in der stand, dass „Israel Jordanien nicht – um es zu wiederholen: nicht – angreifen wird, wenn Jordanien sich ruhig verhält.“ Trotz dieser Botschaft, die vom UN-General Odd Bull überbracht wurde, weigerte sich König Hussein, den geplanten Angriff zu stoppen. Jordanien nahm Gebiete im israelischen Landesinneren sowie Jerusalem unter Beschuss, bevor Israel Abwehrmaßnahmen ergriff. Jordanien lehnte auch einen Waffenstillstand ab, der während des Krieges von der Uno ausgehandelt worden war, und setzte stattdessen die Angriffe auf den jüdischen Staat fort. Als Antwort darauf drängte Israel die jordanischen Streitkräfte über den Jordan zurück und nahm Besitz von der Westbank, einem Gebiet kleiner als New Jersey. In einem überlegt geführten Kampf zum Schutz aller heiligen Stätten vereinigte Israel Westjerusalem wieder mit dem Ostteil der Stadt, der von 1948 bis 1967 von Jordanien besetzt war.

Mit der Wiedervereinigung Jerusalems konnten die Juden zum ersten Male seit 1948 wieder an der Klagemauer beten, der heiligsten Stätte des Judentums. Bis 1967 hatte Jordanien die Waffenstillstandsvereinbarungen von 1949 verletzt und den Israelis den freien Zugang zu den heiligen Stätten in Ostjerusalem verwehrt. Nach dem Krieg und bis zum heutigen Tag hat Israel dem Waqf, der islamischen Stiftungsbehörde, die Verwaltung der Moscheen auf dem Tempelberg gewährt – trotz der Bedeutung des Areals für das Judentum.

Drei Mal nein

Am 19. Juni 1967 – gerade einmal eine Woche, nachdem sich das Land seiner potenziellen Vernichtung gegenübersah – stimmte das israelische Kabinett zu, als Gegenleistung für Friedensvereinbarungen den Sinai an Ägypten und den Golan an Syrien zurückzugeben.„Alles ist verhandelbar“, sagte Israels Außenminister Abba Eban. Die arabische Antwort jedoch, vereint in ihrer kategorischen Ablehnung eines Friedens, folgte auf einem Gipfeltreffen in Khartoum im September 1967: „Kein Frieden mit Israel, keine Verhandlungen mit Israel und keine Anerkennung Israels.“

Zu diesem Zeitpunkt gab es selbst unter den arabischen Parteien noch keine Übereinstimmung über die Errichtung eines palästinensischen Staates in der Westbank und im Gazastreifen, in den Gebieten also, die Israel sich von Jordanien respektive Ägypten angeeignet hatte. Die Agenda der PLO, wie sie in der palästinensischen Nationalcharta formuliert worden war, rief zum „bewaffneten Kampf“ auf, um ganz Palästina zu befreien, einschließlich des Staates Israel. Es ist wichtig, in diesem Zusammenhang daran zu erinnern, dass die PLO 1964 gegründet wurde, drei Jahre vor dem Sechstagekrieg. Ihre raison d’etre: die Zerstörung Israels.

1947 akzeptierte Israel einen UN-Plan, einen jüdischen und einen arabischen Staat in Palästina ins Leben zu rufen, was von den arabischen Staaten abgelehnt wurde. Nach Israels Unabhängigkeitskrieg besetzte Jordanien die Westbank und Ägypten den Gazastreifen. Keiner von beiden machte Anstalten, einen palästinensischen Staat zu gründen.

Sadat kommt nach Jerusalem

Im November 1977 besuchte der ägyptische Präsident Anwar Sadat als erster arabischer Führer in offizieller Mission Israel und sprach dort vor dem Parlament. Sadat bekundete Ägyptens Wunsch, Frieden mit Israel zu schließen. Weniger als zwei Jahre später, im März 1979, unterzeichneten Israel und Ägypten einen Friedensvertrag und normalisierten ihre Beziehungen. Im Gegenzug für einen Frieden mit Ägypten zog Israel sich aus der gesamten Wüste Sinai zurück (die drei Mal so groß wie Israel ist), gab das strategisch wichtige Territorium auf, räumte seine Luftwaffenstützpunkte und Siedlungen und büßte die Ölquellen ein, die es dort entdeckt hatte.

Das Osloer Abkommen

Seit 1967 verwaltete Israel die Westbank und den Gazastreifen und regelte die Angelegenheiten der palästinensischen Bevölkerung in diesen Gebieten. Während die Palästinenser, verglichen mit ihren Erfahrungen unter jordanischer und ägyptischer Herrschaft, wesentliche Verbesserungen in ihrem täglichen Leben erfuhren, trachteten sie weiterhin nach Selbstbestimmung. 1988 gab Jordanien seinen Anspruch auf die Westbank auf und gestattete der PLO, sich um die palästinensischen Interessen zu kümmern.

Im September 1993 unterzeichneten Israel und die PLO das Osloer Abkommen. Zum ersten Mal in der Geschichte entstand eine palästinensische Regierung, die Palästinensische Autonomiebehörde, die nach und nach die Kontrolle über die palästinensischen Staatsangelegenheiten übernahm. Diese Regelung sollte zu dauerhaften Gesprächen über die Zukunft der Palästinenser führen. Im Gegenzug für die Anerkennung durch Israel versprach die PLO, auf Gewalt als legitimes Mittel des „Widerstands“ gegen den jüdischen Staat zu verzichten. Dennoch verübten palästinensische Extremisten, unter ihnen Mitglieder der Hamas und des Islamischen Djihad, zahlreiche Terroranschläge gegen Israelis.

Als Folge des Osloer Abkommens unterzeichneten Israel und Jordanien 1994 einen Friedensvertrag, der die Beziehungen zwischen beiden Staaten normalisierte. Israelis und Palästinenser hatten zu dieser Zeit große Hoffnungen; eine vollkommene und dauerhafte Beilegung des Konflikts schien möglich.

Arafat weist beispiellose Angebote zurück, Gewalttätigkeiten folgen

Verbunden mit dem Wunsch, die israelische Präsenz in der Westbank und im Gazastreifen zu beenden, bot Premierminister Ehud Barak im Juli 2000 in Camp David einen palästinensischen Staat im gesamten Gazastreifen, in über 90 Prozent der Westbank und dazu eine palästinensische Hauptstadt Ostjerusalem an. Der Vorsitzende der Palästinensischen Autonomiebehörde, Yassir Arafat, lehnte das Angebot ab. Monate später, im Beisein von US-Präsident Bill Clinton, erhöhte Barak das Angebot auf 97 Prozent der Westbank, einschließlich der palästinensischen Souveränität über den Tempelberg, den Ort der antiken jüdischen Tempel. Wieder wies Arafat das Angebot zurück, wie Präsident Clinton bestätigte.

Trotz der folgenden gewalttätigen Intifada hat jeder der letzten drei israelischen Premierminister – Ehud Barak, Ariel Sharon und Ehud Olmert – die Gründung eines palästinensischen Staates Seite an Seite mit Israel befürwortet. Doch anstatt sich Israels Friedensplan anzuschließen, lehnte Arafat ihn nicht nur ab, sondern unterstützte aktiv die Gewalt gegen Israel, die eine Periode des Terrors im September 2000 einleitete und alsZweite Intifada bekannt wurde. Über 1.000 Israelis wurden in ihr bei Anschlägen getötet und nahezu 8.000 verwundet.

Der Sicherheitszaun

Um sich vor den wahllosen Terrorangriffen im Rahmen der Intifada zu schützen, in der Männer, Frauen und Kinder getötet wurden, begann Israel im Jahr 2002, eine Sicherheitsbarriere zu errichten, zum größten Teil entlang der Grünen Linie, die die Westbank vom israelischen Staatsgebiet trennt. Zu 97 Prozent besteht diese Grenze aus einem Maschendrahtzaun. Nur drei Prozent werden durch eine Betonbarriere gebildet, die dazu dient, den Beschuss israelischer Zivilisten in dicht bevölkerten Gebieten zu verhindern.

Auch wenn der Sicherheitszaun keine Ideallösung ist, hat Israel sich sehr bemüht, das Lebensrecht israelischer Bürger mit dem Recht der Palästinenser auf Bewegungsfreiheit in Einklang zu bringen. Der Zaun beinhaltet Dutzende von Grenzübertrittsstellen für die Palästinenser, die es ihnen ermöglichen, sich in beide Richtungen zu bewegen und ihre Waren und Güter zu transportieren. Bei verschiedenen Anlässen hat Israels höchster Gerichtshof angewiesen, den Zaun zu versetzen, um den palästinensischen Bauern zusammenhängendes Land zu gewährleisten – trotz des damit verbundenen Sicherheitsrisikos.

2003, ein Jahr nach Baubeginn, kam es im Vergleich zum Vorjahr zu einem Rückgang von 50 Prozent der durch Terror bedingten Todesfälle auf israelischer Seite.

Einseitiger Rückzug

Im Sommer 2005 ließ Premierminister Ariel Sharon alle 10.000 israelischen Zivilisten aus dem Gazastreifen und vier Siedlungen in der nördlichen Westbank evakuieren, weil er hoffte, so einen Reibungspunkt zwischen Israelis und Palästinensern zu beseitigen und einen Friedensimpuls zu geben. Israel zog zudem sein Militär aus dem Gazastreifen ab. Doch statt ihre neue Autonomie zu nutzen – die erste Gelegenheit dieser Art, die Lage der Palästinenser in Gaza zu verbessern –, verlor die PA ihre Kontrolle über die Macht. Die Gewalt eskalierte, weil Anhänger rivalisierender Fraktionen sich regelmäßig gegenseitig umbringen. Armut und Arbeitslosigkeit sind rasant gestiegen. Terrorgruppen feuern Kassam-Raketen von Gaza aus auf Zivilisten im Süden Israels und schmuggeln hoch entwickelte Waffen aus Ägypten ein, darunter waffentauglichen Sprengstoff, Boden-Luft-Raketen und Panzerfäuste.

Der Abzug aus dem Gazastreifen veranschaulicht die Risiken für Israel, wenn es sich aus einem Gebiet zurückzieht, ohne feste Sicherheitsgarantien zu bekommen. Heute mag sich die israelische Besetzung der Westbank für die palästinensischen Zivilisten schwierig gestalten, aber ohne einen glaubwürdigen Friedenspartner auf palästinensischer Seite hat Israel keine andere Wahl, als darauf zu warten.

Vielen Israelis wäre ein Ende der israelischen Besetzung der Westbank lieber, aber Sicherheitsmaßnahmen wie Checkpoints sind weiterhin notwendig – wegen des Terrors, der von palästinensischen Gebieten ausgeht, die häufig an israelische Dörfer und Städte grenzen. Doch ganz abgesehen davon verbesserte sich das Leben durchschnittlicher Palästinenser zwischen 1967 und 1994 sogar, als Israel offiziell den Gazastreifen und die Westbank verwaltete: Universitäten wurden eröffnet, landwirtschaftliche Neuerungen Israels wurden mit den Palästinensern geteilt, moderner Komfort hielt Einzug, und das Gesundheitssystem wurde erheblich verbessert.

Die Realität der Besatzung

Heute können etwa 92 Prozent der Palästinenser in der Westbank lesen und schreiben, und die Lebenserwartung beträgt durchschnittlich 73 Jahre. Beides spiegelt einen großen Entwicklungssprung seit den 1960er Jahren und der jordanischen Herrschaft wider. Auch wenn das Leben für Palästinenser nicht einfach ist, so entspricht die Realität nicht annähernd dem Vorwurf der „Apartheid“, der verbreitet wird, um die Situation verzerrt darzustellen.

Fazit

Die meisten Israelis haben sich, wie ihre Wahl der letzten drei Premierminister zeigte, deutlich für eine Zweistaatenlösung ausgesprochen: Palästina und Israel. Doch kann Israel nur dabei behilflich sein, diese Wirklichkeit herbeizuführen, wenn es glaubwürdige Partner hat, die diesen Weitblick teilen. Die Hamas jedoch, der gegenwärtig dominierende Partner in der palästinensischen Einheitsregierung, trachtet nach einem einzigen ungeteilten islamischen Staat, der auf den Regeln der Sharia, auf dem islamischen Gesetz also, basiert. Wenn sich vertrauenswürdige Partner finden, die in guter Absicht über eine Zweistaatenlösung verhandeln wollen, wird der Frieden unweigerlich kommen.

DIE LINKE: BETWEEN ANTI-ZIONISM AND SOLIDARITY WITH ISRAEL

Stephen Roth Institute for the Study of
Contemporary Antisemitism and Racism

Tel Aviv University, TOPICAL BRIEF NO. 7, 2011,
Editors: Dr. Roni Stauber, Beryl Belsky

 

DIE LINKE: BETWEEN ANTI-ZIONISM AND SOLIDARITY
WITH ISRAEL

Stefan Kunath[1]

The
position of the German left vis-à-vis Israel and the Middle East conflict has
been in a state of flux in recent years. This is a consequence of the
transformation undergone by the German left itself, which culminated in the
foundation of a new party, Die Linke (The Left), in June 2008. Formerly a
parliamentary faction since September 2005, Die Linke consists of a
conglomeration of several radical left organizations and former Social
Democrats from West Germany, as well as members of the former ruling party of
the German Democratic Republic (GDR), the Party of Democratic Socialism (PDS).[2]

The result of such a disparate
grouping is disunity on several issues. The position toward Israel is one of
the most debated issues in the new party and its youth movement. The “Free Gaza”
flotilla in May 2010 and Israel’s reaction to it[3]
3  added fuel to the fire, especially
since three Die Linke activists were
on board: Bundestag members Annette
Groth and Inge Höger, and Norman Paech (member of the Bundestag until 2009).
Their participation prompted questions about the ideology of the German radical
left, especially after political scientist Samuel Salzborn from the University
of Gießen accused the party of cultivating antisemitism in Germany.[4]

 

Prior to
the flotilla incident, a number of disputes arose within Die Linke regarding
the approach that should be taken toward the Middle East conflict. Three
examples are keys to understanding the situation in Die Linke today: 1) the
discussion surrounding an invitation extended to senior Hamas official Dr.
Ghazi Hamad to a Middle East conference organized by Die Linke’s parliamentary
faction in 2007; 2) the working group BAK Shalom, which has become a leading
advocate for pro-Israel positions within the party’s youth movement; and 3)
Gregor Gysi, a leading party activist who works to combat anti-Zionist
attitudes. A brief analysis of these subjects will be followed by an
elaboration of the debate over the flotilla. In the last section, possible
future developments in the party will be discussed.

Actors in Die Linke:
Israel Supporters and Anti-imperialists

In 2007,
the first public disagreement within the party arose over how to approach the
political situation between Israel and the Palestinians during the preparation
of a conference about the Middle East conflict organized by Die Linke
parliamentary group, together with the socialist Rosa Luxemburg Foundation.[5]

 The idea was to invite independent experts on
the subject representing various views in order to obtain a comprehensive
survey of the situation in the Middle East. When an invitation to Dr. Ghazi
Hamad, government spokesperson of Hamas in Gaza at the time, was under
consideration by the parliamentary faction, a group of members of Die Linke and
its youth movement launched a petition to prevent his participation. They
argued that Hamad could not be viewed as independent as long as he was the
spokesperson of a ruling party. In addition, they expressed opposition to
inviting a leading Hamas activist: “Hamas is an anti-democratic party, whose
radical antisemitic program and policies are aimed at the destruction of
Israel,” they stated.[6]
The party should not invite an antisemite at a time of increasing antisemitic
activity in Germany, a step that might also endanger the radical left camp.
Moreover, they asserted, Die Linke had a responsibility to combat antisemitism,
and providing a platform to a Hamas representative contradicted this principle.[7]

While the
campaign was not a complete failure it was also not successful. On the one
hand, Hamad was unable to attend the conference because the German government
refused him entry; on the other, the discussion in Die Linke took place mainly
at the district level, without the involvement of leading members, whose
positions were not made public. Nonetheless, this was the first time a debate
had been held about providing a platform to a movement that denies Israel’s
right to exist.

An
important development in this respect was the establishment of BAK Shalom in
spring 2007 as an ideological working group within Linksjugend Solid,[8]
Die Linke’s youth organization, in Berlin. BAK Shalom became a counterforce in
the debates over Die Linke’s relations with Israel and its attitude to extreme
anti-Israel manifestations. Defining itself as a task force against antisemitism,
anti-Zionism, antiAmericanism, and regressive anti-capitalism within Die Linke,
the group stands for strong solidarity with Israel, “including solidarity with
defense measures of any kind.”[9]
Antisemitism, they believe, is an integral part of capitalism and modern
society, and flourishes with the regression of the latter into barbarism, as
demonstrated by the case of Nazi Germany. The image of the Jew as a capitalist
exploiter is an important component of modern antisemitism, whose proponents
does not exclude some socialists and leftists. Since the nineteenth century
antisemites have automatically blamed Jews for the failures of capitalism
instead of studying its conceptual and structural problems. 

For BAK
Shalom, the Jewish homeland is the right and just solution for the negative
consequences of modern society’s attitudes toward the Jews. At the same time
BAK Shalom calls for solidarity with all emancipatory movements in the Middle
East that are struggling for secularization, liberalization, and democratization,
such as women’s and students’ movements in Arab and Muslim nations.[10]

In April
and May 2008 the first public showdown took place between BAK Shalom and Norman
Paech, then spokesperson for foreign policy of Die Linke parliamentary group.
On April 23, 2008, he called Israel an apartheid state, which “sprayed
Palestinian fighters with bullets and killed them.”[11]
He claimed Israel might use illegal uranium enriched bullets because
Palestinian medical practitioners were unfamiliar with the kinds of injuries
they caused.[12] Moreover,
he trivialized Hamas attacks on Israel by referring to Qassam missiles as “New
Year firecrackers” and argued against a two-state solution to the conflict.[13]
BAK Shalom demanded his immediate resignation as spokesperson because of his
alleged anti-Zionism and sympathy for Hamas.[14]
However, since it numbered only 60 members, mainly young professionals and
students, the group was not strong enough to bring down Paech. Nevertheless, it
was the first time that large media networks reported on the dispute within Die
Linke. Paech ignored the criticism and branded the BAK activists “clearly
stupid.”[15]

As a result
of high media interest in the dispute within the new party, senior Die Linke
politicians began to intervene. In May, on the occasion of Israel’s 60th
anniversary, MP Gregor Gysi, leader of the parliamentary group, stated that
antiZionism was no longer an arguable position for the left in general, and for
Die Linke, specifically, “because if we choose a position of enlightened Jewish
anti-Zionism… we still have the problem of ignoring the worst experiences of
the twentieth century, which expose enlightened Jewish anti-Zionism as a total
illusion.”[16]

Gysi also
distanced himself from traditional Soviet anti-imperialism in relation to
Israel since it did not take into consideration the emancipation of peoples.
Soviet anti-imperialism was an instrument used in international relations to
define and distinguish Soviet allies and their enemies during the Cold War.
Israel is perceived as an imperialist nation because it is an ally of the U.S.
in the Middle East, he said.[17]

In late
May, some Linke members and sympathizers responded to Gysi’s arguments in an
open letter.[18]  The most well-known were Sahra Wagenknecht,
MEP until 2009, and since September 2009 a Bundestag deputy; leader of the
orthodox leftwing Communist Platform (Kommunistische Plattform) within Die
Linke, MP Ulla Jelpke; and Hans Modrow, a leading politician in the GDR during
the period leading up to reunification. Regardless of the political use of
anti-imperialism by the Soviets, they said, this concept was necessary for
revealing and reducing imperialist profit and the threat of war it poses at the
international level. Their criticism of Israel, they claimed, should be seen as
part of the “anti-imperialism concept,” because Israeli policy was influenced
by American ambitions, which were undoubtedly imperialist. Moreover, Israel
colonized the West Bank, oppressed Palestinians as second-class citizens, and
behaved aggressively toward other Arab nations. As to the issue of antisemitism
and its relation to criticism of Israel, which had become a central issue in
the debate, they argued that its existence was not a reason to accept Israeli
government policy without question, but that critics should be careful to avoid
any antisemitic overtones.[19]

Today
anti-imperialists in Die Linke accept Israel’s right to exist, but are
extremely critical of Israeli policy; at the same time, they ignore the
antisemitic ideology of Islamist organizations such as Hizballah and Hamas, as
well as their terrorist attacks against Israel, since these groups are viewed
as political actors fighting against Israeli oppression and for Palestinian
independence. According to the anti-imperialists, violations of human rights by
Israel, and not by Hamas the oppressed, should be condemned. During the
two-year period 2008−9, the pro-Israel faction of Gysi and BAK Shalom gained
strength thanks to the publicity surrounding the debate. Since early 2010 the
dispute has risen to a new level, centering mainly on determining how to
analyze the Israeli-Palestinian conflict. While BAK Shalom and some Die Linke
members regard these efforts as motivated by anti-Zionist attitudes and
demonization of Israel, traditional anti-imperialists are concerned about the
labeling of Israel critics as antisemites. 

The
escalation of the debate in 2010 was manifested in several events.

1. Anti-imperialists:
Peres is preparing for war against Iran

On January
27, 2010, International Holocaust Remembrance Day marking the anniversary of
the liberation of Auschwitz in 1945, Israeli president Shimon Peres addressed
the Bundestag about the Iranian threat to Israel. After the speech, while the
rest of the house rose to their feet to applaud him, a few Die Linke
representatives remained seated to demonstrate their disapproval, among them,
Christine Buchholz, a member of the party’s executive board and activist in the
party’s Trotskyist Marx21 network, and Sahra Wagenknecht. After Michael Leutert
(MP), co-founder of BAK Shalom, criticized Buchholz, she explained that she
rejected Peres’ comparison of Iran to Nazi Germany. His analogy with the policy
of appeasement until 1939 was inappropriate and only served as “ideological
armament for a new war in the Middle East.”[20]

Criticism
of Sahra Wagenknecht centered mainly on her candidacy for the party’s deputy
leadership position. Leutert explained that he might not be able to vote for
someone who did not show due respect for the Israeli president.[21]
BAK Shalom said the memorial day for the victims of National Socialism should
not be used for criticizing Israeli policies.[22]
Wagenknecht responded that her attendance at the ceremony testified to her
respect for the victims. However, she could not applaud someone who was
responsible for war. Additionally, Wagenknecht claimed that contrary to what
Peres said, Iran had no nuclear weapons. His alarmist talk of another Holocaust
was just a pretext to start more wars.[23]

Wagenknecht’s
candidacy was extremely important for the party’s unity and balance between
radical and more moderate members and between representatives from the East and
the West. Therefore, Leutert’s and BAK Shalom’s criticism was interpreted as an
attack on party unity. That is why some members did not condemn her conduct in
public although they disagreed with her anti-Israel position. The campaign of
Leutert and BAK Shalom against Wagenknecht’s candidacy failed. At the party
conference in May, she was elected deputy leader and Bochholz obtained an
executive position. 

2. “Finkelstein
successfully averted!”[24]

24

BAK Shalom
and its supporters were more successful in the next dispute, which concerned an
invitation to the Jewish anti-Zionist Norman Finkelstein to be guest speaker at
a meeting in the capital in February 2010. The Palestinian community and the
district working group “Peace and International Policy” of Die Linke in Berlin were
the organizers of the event, called “One Year after the Invasion of Gaza − the
Responsibility of the German Government and the Continuing Siege of the
Palestinian People.” Immediately, BAK Shalom began planning protests.
Finkelstein could not be an ally of the left, they explained, because he
advocated relations with Hizballah and accused Israel, inter alia, of misusing
the Holocaust for financial and political purposes. After the Heinrich Böll
Foundation, affiliated with the Green Party, was informed of Finkelstein’s
views, they promptly canceled financial aid for the event. The organizers then
requested funds from the Rosa Luxemburg Foundation, which initially gave a
commitment. However, after BAK Shalom and the district working

group of
the party’s youth movement in Berlin called for a protest rally in front of the
foundation’s headquarters, it withdrew its support and Finkelstein canceled his
flight to Germany.[25]
Christine Buchholz, Sahra Wagenknecht, Norman Paech, Jan van Aken, and other
MPs expressed their outrage to Heinz Vietze and Florian Weis, managing
directors of the Rosa Luxemburg Foundation, accusing them of bowing to the
pressure of a few.[26]

Under the
headline “Anti-Zionist Jews Out?” [27]
published in the antiimperialist daily Junge Welt, Ulla Jelpke asked why Die
Linke was afraid of inviting an anti-Zionist scientist who wanted to talk about
German responsibility toward the humanitarian crisis in Gaza. Zionist
organizations had created a real “Holocaust industry,” she claimed, extorting
support for Israel by exploiting the suffering of Jews murdered by German
National Socialists. German Zionists were doing a great disservice to the
struggle against antisemitism with their demand to muzzle the speech of
anti-Zionist Jews.[28]
A large number of articles appeared in Junge Welt arguing against BAK Shalom
and pro-Israel supporters in Die Linke, and demanding an unconditional and free
debate regarding the Middle East conflict and surrounding issues.[29]

BAK Shalom
dismantled the main arguments and defended its claims of combating
antisemitism, in an article called “Debates Yes − Antisemitism No.”[30]
In the first part, they cited “antisemitic messages” published by Finkelstein
years before, such as the claim that Israel was using the Holocaust to obtain
financial and military aid.[31]
 Additionally, the working group provided
proof of Finkelstein’s sympathy for Hizballah and pointed out that his theses
were supported by extreme right organizations in Germany and the Czech
Republic.[32]
BAK Shalom denied it was preventing a discussion about the Middle East conflict
and Die Linke’s position toward Israel and the Palestinians. “But that does not
mean that Israel haters should have a podium on which to debate the issue of
Israel, when in fact they were debating about Israel’s right to exist.”[33]

The
situation during this dispute resembled that which prevailed during the
disagreement over the invitation to Hamas official Ghazi Hamad in 2007. In
contrast to the latter episode, however, in this case, one section of the party
held a public demonstration against another part. The reaction to the
cancellation of Finkelstein’s visit was expressed in insults and the accusation
that pro-Israel members were using Nazi SA methods.[34]
The radical anti-imperialist group within Die Linke waited for an opportunity
for take its revenge; [35]
this came in the form of participation in the “Free Gaza” flotilla in May 2010,
after the party congress.

3. Humanitarian aid to
Gaza or support for Hamas?

Groth,
Höger and Paech participated in the “Free Gaza” flotilla in May 2010, claiming
they were motivated by the wish to provide humanitarian aid to Palestinians in
Gaza and to stop the siege, which Groth alleged was “contrary to international
law.”[36]
Höger declared that the aim of the flotilla was to generate publicity against
Israeli policy.[37]

BAK Shalom,
for its part, issued a press release, warning of another escalation in the
Middle East conflict to which Höger, Paech and Groth’s participation in the
flotilla would contribute. Moreover, they cautioned that leading Hamas members
were on the ships.[38] 

Emotions
intensified following the violent confrontation between the Israeli navy and
those abroad the Marvi Marmara, including Paech, Höger and Groth. Gregor Gysi
immediately denounced Israel for the siege of Gaza and for stopping ships in
international waters.[39]
There were also concerns about the conditions under which the three Die Linke
members were being held, as expressed by MP Jan van Aken, vice-chairman of the
parliamentary group, in his press release demanding their liberation and
branding the Israeli raid “an act of piracy” and “kidnapping.”[40]

Following
their release, Groth, Höger and Paech began spreading their version of the
Israeli operation, mainly condemning the IDF’s brutality, labeling it a war
crime, and claiming that the conduct of all the activists had been peaceful and
innocent throughout the mission.[41]

On June 2,
Gysi met with Israel’s ambassador to Germany, Yoram Ben-Zeev, to discuss the
incident.[42]
BAK Shalom was in a difficult position. The group was accused of supporting
Israel unreservedly, no matter what it did. On the other hand, they were
expected to show solidarity with Höger, Groth, and Paech. The group’s silence
during the first week after the incident benefited the anti-imperialist camp.
MP Niema Movassat, for example, canceled his participation in a panel organized
by BAK Shalom on the question of whether sanctions against Iran might be
helpful in bringing down the Iranian regime.[43]
Both the party youth movement in Movassat’s state of North Rhine-Westphalia and
the Hamburg youth movement fiercely attacked BAK Shalom.[44]
Linksjugend Solid Hamburg also questioned why BAK Shalom was still tolerated
within Die Linke and its youth movement, and why several MPs still supported
some BAK Shalom members and employed them in their Berlin offices.[45]

 Nevertheless, in their release about the
incident the federal board of Linksjugend Solid did not refer to BAK Shalom,
and only blamed Israeli policy. Israel was committing piracy and kidnapping in
international waters, it said, and demanded an end to the siege of Gaza.[46]
On June 23, Linksjugend Solid held a panel in Berlin, called “Free Gaza! − Die
Linke and Their Resistance against the Siege of Gaza,” with Inge Höger, who
discussed the strategy of “left-wing resistance.”[47]

One week
after the incident, BAK Shalom responded. They presented a list of participants
known for their Islamist and antisemitic attitudes and quoted some of the antisemitic
and anti-Zionist statements they had made.[48]
Moreover, they demonstrated the connection between the Turkish IHH (Foundation
for Human Rights and Freedoms and Humanitarian Relief), which had organized the
flotilla, and Hamas.[49]
Besides calling for an explicit condemnation of Hamas, the group demanded the expulsion
of the three Die Linke members for participating in the flotilla, denouncing them
for failing to criticize Hamas’ conduct in exploiting the suffering of the Palestinians
for political propaganda purposes and denying them any political freedom.
However, they defended neither Israel’s operation off the coast of Gaza nor the
siege itself. Finally, BAK Shalom explained that solidarity with Israel was incumbent
upon the group due to the antisemitic accusations leveled against Israel[50]
after the operation during several pro-Palestinian demonstrations and on social
networks.[51]

On June 10,
Annette Groth reported her experiences on the flotilla to the Bundestag. She
denied that the Turkish IHH supported terrorism and accused the Israeli media
of disinformation. Being neutral in a situation of oppression, she said (referring
to herself), turned one into an oppressor, and she pledged to continue fighting
against the siege of Gaza.[52]

Since the
incident, Inge Höger has been traveling throughout Germany and speaking of her
experiences aboard the flotilla and in an Israeli prison. In Leipzig, 40 of the
90 participants at one of these events criticized Höger for not dissociating herself
from the Islamist movement.[53]
Prior to Höger’s arrival in Bremen on June 24, the local Jewish community
contacted Petra Pau, vice-president of the Bundestag and representative of Die
Linke parliamentary group, demanding a comment about the “Free Gaza” flotilla
and the participation of the three Die Linke members. Her response was the only
public criticism from a leading Die Linke member. In her letter, Pau said she
thought the Israeli siege of Gaza was a political mistake. However, she opposed
the flotilla and hence the participation of Die Linke members. In addition, she
criticized the flotilla participants for cooperating with Turkish organizations
“that are suspected of being pro-fascist,”[54]
strengthening Hamas, and demonizing Israel worldwide. She claimed their actions
added fuel to the fire of antisemites, who were now spreading hate against Jews
throughout the world, and especially via social networks.[55]

Possible Future
Developments

The dispute
over the “Free Gaza” flotilla was the culmination of Die Linke’s debates about
its relationship to Israel and the Palestinians. Because the majority of party members
feared for the lives of Höger, Paech and Groth when the Israeli army stopped
the Marvi Marmara, their views about Israeli policy deteriorated further. In the
statements of several politicians and members of the youth organization, Israel
was a brutal nation that disregarded humanitarian values.[56]

Besides BAK
Shalom and Petra Pau, no one else in the party openly criticized the flotilla
and the alliance between Turkish Islamists and left-wing activists. On the one
hand, this could be regarded as a victory for the anti-imperialists and their struggle
against the pro-Israel wing in Die Linke; on the other, the silence of many leading
members could indicate a wish to wait out the criticism directed against the party
for cooperating with Islamists. 

A possible
future direction could be agreement on the basis of the parliamentary faction’s
official position toward the Middle East conflict. Accordingly, the deputies
underline their responsibility to Israel because of the Holocaust; they also condemn
antisemitism and racism and favor a two-state-solution to the Middle East conflict.
The main criteria for the end of the Israeli occupation and the establishment of
a Palestinian state are human rights and international law.[57]

Moreover,
the Rosa Luxemburg Foundation could be instrumental in resolving the struggle
between anti-imperialists and Israel supporters within the party. For example,
the head of the foundation’s office in Tel Aviv, Angelika Timm, tries to present
a more balanced picture of Israel. Additionally, the foundation’s work with human
rights activists and Jewish-Arab projects in Israel might offer an opportunity for
developing constructive criticism of Israeli policy without antisemitic and
anti-Zionist motifs.[58]



E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[1]
Student activist and one of the
founders of BAK Shalom (2007).

E;mso-fareast-language:EN-US;mso-bidi-language:AR-SA”>[2] Prior to September 2005, neither the
PDS in East Germany nor the former Social Democrats, who had left the SPD party
in West Germany, had been strong enough to gain 5 percent of the national vote
in order to be represented in parliament. The common ground for unification was
opposition to the SPD and the Green Party, which governed Germany at the time.
Among others, the new Die Linke criticized the government’s social reforms, as
well as Germany’s participation in ISAF, the NATO-led
security mission in Afghanistan.

E;mso-fareast-language:EN-US;mso-bidi-language:AR-SA”>[3] On May 31, 2010, a flotilla of six
ships attempting to break the siege of Gaza was intercepted by the Israeli
navy. In the ensuing violent clashes aboard the MV Mavi Marmara, eight Turkish
nationals and a Turkish American were killed and several Israeli commandos were
wounded. The flotilla, allegedly carrying humanitarian aid and construction
materials, was organized by the Free Gaza Movement and the Turkish Foundation
for Human Rights and Freedoms and Humanitarian Relief (İHH).

E;mso-fareast-language:EN-US;mso-bidi-language:AR-SA”>[5] “One of the largest political
education institutions in Germany today… [it] is officially recognized as a
nationwide affiliated trust of Die Linke. As such it works closely with Linke
affiliated state foundations and associations nationwide” − from the website of
the foundation, http://www.rosalux.de/english/foundation.html
.

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[8]
Linksjugend means “left
youth”; Solid is an acronym for socialist, left and democratic

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[23]
Sahra
Wagenknecht, “Erklärung zur Rede des israelischen Staatspräsidenten Shimon
Peres im Bundestag am 27. January
2010,” 1/2/2010, http://www.sahrawagenknecht.de/de/article/651.erklaerung-zur-rede-von-shimon-peres-im-bundestag-am-27-januar-2010.html
.

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[24]
BAK Shalom’s homepage
headline after the cancellation of Finkelstein’s presentation

E;mso-fareast-language:EN-US;mso-bidi-language:AR-SA”>[27] An allusion to the National Socialist
slogan “Jews out!”
(Juden
raus!). Ulla Jelpke, “Antizionistische Juden raus?” 23/2/2010, http://die-rote-fahne.eu/pheadline4343.html
.

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[31]
Ibid;
Wolfgang Wippermann, “‘Ein Spezialist für Israelfragen’: Finkelstein gegen
Goldhagen und andere ’jüdische Geschäftemacher’,” in Das Finkelstein-Alibi, ed.
Rolf Surmann (Köln: PapyRossam 2001)

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[32]
Detlev
Rose, “Finkelstein sagt Deutschlandbesuch ab – Die Linke und die
Israel-Lobby,”  25/2/2010, http://www.deutsche-stimme.de/ds/?p=2890
; “Odpor,” 26/1/2010 , http://www.odpor.org/index.php?page=clanky&kat=&clanek=1081

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[35]
Paul
Grasse, “Ausladung von Finkelstein hat wachgerüttelt,” 16/6/2010, http://www.jungewelt.de/2010/06-16/052.php

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[40]
Jan van
Aken, “Linke-Bundestagsabgeordnete und Politiker der Linkspartei unverletzt in
israelischem Gewahrsam,” 31/5/2010, http://www.linksfraktion.de/pressemitteilungen/linkebundestagsabgeordnete-politiker-linkspartei-unverletzt-israelischem-gewahrsam/
.

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[41]
Annette
Groth and Inge Höger, “Pressekonferenz nach der Rückkehr von Inge Höger und
Annette Groth aus Israel,” 2/6/2010, http://www.youtube.com/watch?v=uYOc6CZ0MoM&feature=player_embedded

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[43]
Niema
Movassat, “Offener Brief an den BAK Shalom, Absage meiner Teilnahme an der Podiumsdiskussion
“Sanktionen gegen Iran − ja oder nein?” 3/6/2010, http://www.movassat.de/files/movassat/Offener-Brief_Movassat.pdf

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[44]

Linksjugend [‘solid’] NRW, “Offener Brief an den BundessprecherInnenrat des BAK
Shalom,” 2/6/2010,
bak-shalom.de/wp-content/2010/06/offener-brief-an-den-bundessprecherinnenratdes-bak-shalom.pdf;
Linksjugend [‘solid’] Hamburg, “Unter der Knute der deutschen Staatsräson wird
Krieg zu Frieden,” 24/6/2010, http://www.linksjugend-solidhamburg.de/fileadmin/user_upload/linksjugend/Antimilitarismus/Stellungnahme%20BAK%20_Shalom_%20und%20die%20Free%20Gaza%20Flottille%20.pdf

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[48]
BAK
Shalom, “Stellungnahme des BAK Shalom zu den Reaktionen auf den Stopp der Free
GazaFlottille,” 6/6/2010, http://bak-shalom.de/wp-content/2010/06/free_gaza_stellungnahme_3.pdf
; MEMRI, “Arab Media Reports on Flotilla Participants: Writing Wills, Preparing
for Martyrdom, Determined to Reach Gaza or Die,” http://www.memri.org/report/en/0/0/0/0/0/0/4265.htm
, 1/6/2010

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[49]
BAK Shalom,
“Stellungnahme des BAK Shalom zu den Reaktionen auf den Stopp der Free
GazaFlottille,” 6/6/2010, http://bak-shalom.de/wp-content/2010/06/free_gaza_stellungnahme_3.pdf

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[56]
Linksjugend
[‘solid’] NRW, “Offener Brief an den BundessprecherInnenrat des BAK Shalom,” 2/6/2010,
bak-shalom.de/wp-content/2010/06/offener-brief-an-den-bundessprecherinnenratdes-bak-shalom.pdf;
Die Linke, “Pressekonferenz nach der Rückkehr von Inge Höger und Annette Groth aus
Israel,” 1/6/2010, http://www.youtube.com/watch?v=uYOc6CZ0MoM

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[58]
Angelika
Timm, “Für ein differenziertes Israelbild – Kurzinterview mit Angelika Timm,”
22/9/2009, http://bak-shalom.de/index.php/2009/08/22/fur-ein-differenziertes-israelbild-kurzinterview-mitangelika-timm/
.

Quelle: Stephen Roth Institute for the Study of Contemporary Antisemitism and Racism

Rainer Trampert: Freitags Gebete

Große Männer, große Gedanken, große Verschwörungen – eine Anamnese Jakob Augsteins, vorgelegt von Rainer Trampert in konkret 11-2012. »Im Zweifel links« kann als Befund eindeutig ausgeschlossen werden.

Jakob Augstein, informiert Wikipedia, vertritt in der Gesellschafterversammlung des Spiegel-Verlags den 24-Prozent- Anteil der Familie Augstein am »Spiegel«, er ist Verleger der Wochenzeitung »Der Freitag«, »linker« Gegenspieler des Berliner »Bild«-Chefs Nikolaus Blome in der Phoenix-Sendung »Augstein und Blome« und Verfasser der »Spiegelonline«-Kolumne »Im Zweifel links«. Was ist nicht einfach, sondern nur im Zweifel links?

Die Plaudertasche

»Augstein und Blome« gehört zu den TV-Talks, mit denen die Bewußtseinsindustrie die linken und rechten Grenzen des Denkens markiert. Die Vorbilder sind Ulrich Kienzle und Bodo Hauser, die ihre Sendung »Frontal« mit dem possenhaften Disput ausklingen ließen: »Noch Fragen, Kienzle? – Ja, Hauser« und die als »linke und rechte Hand des Fernsehens« Preise einheimsten. Das Konzept ist gleichgeblieben: Zwei Männer necken sich.

Argumentierten ihre Vorgänger noch im SPD-contra-CDU-Schema, führen sich Augstein und Blome so hanswurstig auf, als stritten sie mit Mario Barths Programm »Männer sind primitiv, aber glücklich« um die Quote. Blome bewahrt ein Minimum an Contenance, das sich für den Repräsentanten eines Medienkonzerns ziemt, Augstein gleitet in frühkindliches Verhalten ab, macht Faxen, setzt sich eine Pickelhaube auf, schenkt Blome beim Thema »Kohl« einen Koffer voller Birnen und beißt, als der ihn mitleidig ansieht, in eine hinein.

Kohl kam als Bismarcks gemütlicher Wiedergänger daher*, sagt er. Gemütlich, weil er die Nation nicht mit Eisen und Blut schmiedete, sondern mit Geld, Geduld und guter Laune. Am Zerfall der Sowjetunion und am Chor der Massen, sie kämen zur D-Mark, wenn die nicht zu ihnen käme, soll es nicht gelegen haben. Ein Mann macht Geschichte. Hatte Kohl schlechte Laune, und das war meistens der Fall, war er ein Kapitallobbyist mit einem mafiösen Begriff von Ehre und Treue, ließ Akten verschwinden und »im großen Stil manipulieren« (Burkhard Hirsch, FDP). Ist es da nicht ein Paradox, daß ausgerechnet der Mann, den die Linken als Birne verspotteten, heute zur Leitfigur eines linken Traums taugt – er gilt als einer, der Grenzen eingerissen hat? Aber Hitler hat noch mehr Grenzen eingerissen, und Kohl und sein Innenminister Zimmermann waren berüchtigt für Grenzschließungen; sie stigmatisierten Flüchtlinge so lange, bis der haßerfüllte Mob zum Pogrom schritt.

Diese Krise ist eine des Vertrauens. Geld ist greifbares Vertrauen. Erst wenn Merkel auf Europa vertraut, werden das auch die Märkte tun. Merkel müßte also beteuern, sie vertraue Griechenland, und schon wären auch die Finanzmärkte davon überzeugt, daß es keine objektive, sondern nur eine von Individuen durch ihre subjektive Wahrnehmung konstruierte Wirklichkeit gibt.

Kann Steinbrück Kanzler, Augstein? – Steinbrück war gut in Deregulierung. Vielleicht ist er darum auch gut in Regulierung. – Das ist nicht zwingend, Augstein. – Im Prinzip ist er wie Helmut Schmidt. Der weiß wirklich, wovon er redet, der Mann. – Aber Schmidt ist nicht links! – Ach Blome, wann einer Sozialist ist, wann Sozialdemokrat, Liberaler oder Neoliberaler, das ist ein Spektrum der fließenden Übergänge. – Ein großer Gedanke, Augstein! Dann ist wohl jeder alles? – Wissen Sie, Blome, mehr Sozialstaat, weniger Nationalstaat, das sind die Ziele linker Politik. Der Fiskalpakt ist eine Etappe dorthin. – Aber dem Fiskalpakt zufolge müssen Staaten eisern sparen, sich kontrollieren lassen, bei Zuwiderhandlung Strafgeld zahlen; der Fiskalpakt beseitigt die staatliche Souveränität und beschneidet sozialstaatliche Leistungen. – Okay, Blome, ich hätte statt Fiskalpakt auch Viktualienmarkt sagen können, Hauptsache, ich heiße Augstein und bin im Fernsehen. Sie wissen doch, was ich meine!

Der Verschwörungsideologe

Was er meint, weiß man bei ihm nur, wenn es um Israel geht. Jakob Augstein macht Israel, das meistens als Synonym für die Juden genommen wird, zum Sündenbock für alles. Er läßt den Judenstaat in Anspielung auf die Weisen von Zion nach der Weltherrschaft greifen, Bluttaten verüben, die Welt in den Abgrund reißen und weitere reichlich kuriose Taten vollbringen. Kann man sich vorstellen, daß der kriminelle Kopte … in anderem als im eigenen Auftrag handelte? – Aber warum soll dieser Kopte den Mohammed-Film nicht allein ausgeheckt haben? – Zumindest traut man Leuten in der israelischen Regierung zu, die unerwartete Schützenhilfe politisch auszunutzen. Augstein beruft sich in seiner »Spiegel-online «-Kolumne auf die von ihm frei erfundene Schützenhilfe, um sie Juden zuzuschreiben. Das Feuer brennt in Libyen, im Sudan …, aber die Brandstifter sitzen anderswo. Aha! Diese zornigen jungen Männer (sind) ebenso Opfer wie die Toten von Bengasi. Zur Erinnerung: Dort schoß eine islamistische Miliz mit schwerem Kriegsgerät auf die US-Botschaft und ermordete fliehende Botschaftsangehörige. Mörder und Ermordete als gemeinsame Opfer zu klassifizieren, ist infam. Aber wessen Opfer sollen sie denn sein?

Findet der Verschwörungsideologe keine geeigneten Gerüchte über Drahtzieher, greift er zur Cui-bono-Frage: Wem nützen Mohammed- Persiflage und randalierende Moslems? Die gegen die USA und Israel wütenden Muslimekämen, meint Augstein, der israelischen Regierung mehr als gelegen – wegen des beabsichtigten Angriffs auf die Atomanlagen im Iran. Zwar läge es für diesen Zweck viel näher, Sunniten in Saudi- Arabien, im Irak, in Syrien und anderswo, die sich ebenfalls von Irans Hegemoniebestrebungen im Nahen Osten bedroht fühlen, nicht zu verärgern. Sei’s drum: Wenn auch ein Nutzen für Israel nicht auszumachen ist, bleibt doch immerhin das beliebte Stereotyp, daß Juden den Aufstand gegen sich, letztlich also den Antisemitismus überhaupt, selbst zu verantworten haben.

Augstein geht selten geheimnisvolle Umwege, er behauptet einfach. Ein Verschwörungsprofi wie Andreas von Bülow spricht wie ein Eingeweihter von weither, daß unter den Opfern des World Trade Centers nur ein Israeli gewesen sei – »statistisch gesehen auffallend wenig«. Aber weder Israelis noch Juden wurden registriert. Er weiß also nichts, will nur streuen, daß die Juden hinter dem Anschlag steckten. Bei einem toten Buddhisten hätte er Tibet natürlich nicht als Verursacher vermutet. Augstein behauptet nur rotzig: Wenn es um Israel geht, gilt keine Regel mehr: Politik, Recht, Ökonomie – wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen.

Wenn Jerusalem Deutschland steuert und jeder US-Präsident sich die Unterstützung der jüdischen Lobbygruppensichern muß, befinden wir uns bereits im Vorstellungsbereich der jüdischen Weltherrschaft. Wie stets nutze der Judedas schlechte deutsche Gewissen für seine Geschäfte aus. So habe Angela Merkel Israel Hunderte von Millionen überwiesen und später U-Boote hinterhergeschickt und dafür die Regeln der … marktwirtschaftlichen Ordnung außer Kraft gesetzt. Haben Voodoo-Priester einen Hahn geköpft? Wie sonst käme Merkel auf die Idee, die »gute« Marktwirtschaft zugunsten der Juden zu beseitigen? Die Linksfraktion hat noch nachgefragt, wie teuer die U-Boote den Steuerzahler kommen, für die Schlecker-Frauen war’s zu spät: Würde Israel für seine machtpolitischen Interessen auf Zahnpastatuben setzen und nicht auf Atomraketen, die berufliche Zukunft von rund 13.000 Drogistinnen wäre sicher.

Der israelische Ministerpräsident Netanjahu führt die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs, sagt Augstein in sprachlicher Anlehnung an den »anschwellenden Bocksgesang« von Botho Strauß, der von der Regeneration der Stämme durch die Tötung der Fremden handelt. »Freitag-online« führt die Bluttat weiter aus. Man verfüge über »Berichte « von jüdischen »Gewaltanwendungen … gegenüber palästinensischen Zivilisten, allen voran Kinder und Frauen«. In Wahrheit wurden und werden jüdische Kinder und Frauen in Bussen, am Strand und auf Märkten in die Luft gesprengt. Die ganz große Bluttat steuerte dann Günter Grass bei. Israel wolle das iranische Volk »auslöschen« und bedrohe den Weltfrieden. Für Augstein sind das Worte eines Messias. Die knappen Zeilen von Grass werden einmal zu seinen wirkmächtigsten Worten zählen, urteilt er. Es ist dieser Satz, hinter den wir künftig nicht mehr zurückkommen: »Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.« Der Satz habe einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. Und weil ein Deutscher ihn sagt. Grass habe es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen. Und als er die Deutschen erlöst hatte, schnappte er sich das Kreuz und schnaufte die Via Dolorosa hinauf.

Grass will Israel zu den Völkermördern zählen, um den deutschen Völkermord zu relativieren. Schon sein Weltfriede ist eine Lüge, die Millionen Kriegstote in Afrika für belanglos erklärt. Mit derselben Impertinenz türmen Antisemiten fiktive Opferberge auf, die Juden in künftigen Weltkriegen anrichten würden. Ein Militärschlag gegen die Atomanlagen im Iran wäre kein Völkermord und würde ebensowenig in den Weltkrieg führen wie der gegen Libyen. Die USA sanieren gerade ihre Kriegskasse, China und Rußland wissen, daß ihnen der Zerfall ihrer Nationen in ethnisch-religiöse Einheiten drohte. Auffallend ist, daß reale Kriegsparteien nicht unter die Kriegsgefahr gerechnet werden. Syrien und die Türkei beschießen sich, der Iran und Saudi-Arabien unterstützen Milizen im Irak und in Syrien. Aber Salafisten und andere Krieger können sich noch so abrackern, für »Freitag-online« ist die israelische Regierung »die einzige, die gegenwärtig den Weltfrieden … gefährdet«, »den sogenannten arabischen Frühling für sich ausnutzt«, »den Krieg in Syrien fördert«, den Iran nötigt, »eine eigene Bombe zu haben«.

Augstein wird bestreiten, ein Antisemit zu sein. Aber die phantasierte jüdische Weltherrschaft, die Weltkriegsgefahr, die Aufregung über eine Fiktion und die Gleichgültigkeit gegenüber realen Kriegen und Kriegstoten, die Insinuationen, daß Israel hinter dem Mohammed- Film, dem Krieg in Syrien und der iranischen Bombe stecke und die Toten in den innerarabischen Machtkämpfen zu verantworten habe, die Wiederholung der Lüge vom Juden, der aus dem Antisemitismus Profit schlage, diese ganze Sammlung perfider Projektionen zeigt eine Verblendung, die mit einer Kritik an Aspekten israelischer Politik nichts mehr zu tun hat. »Wenn der Bürger schon zugibt, daß der Antisemit im Unrecht ist, so will er wenigstens, daß auch das Opfer schuldig sei« (Adorno).  

* Kursive Passagen sind Zitate von Jakob Augstein.

Quelle

Broder: Die modernen Antisemiten argumentieren subtil

Die “kritischen Intellektuellen” nennen Augsteins Äußerungen “an der Grenze zum Ressentiment, aber differenziert”. Ich las alle Stellungnahmen und frage mich, ob diese Leute dasselbe Zeug kiffen.Von 

Ende März 1983, also vor fast genau dreißig Jahren, gab das Sekretariat des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion die Gründung eines “Antizionistischen Komitees der sowjetischen Öffentlichkeit” bekannt.

Man habe sich zu diesem Schritt entschlossen, da der Zionismus “eine gefährliche Abart der bürgerlichen Ideologie” sei, die mit dem Anspruch auf “nationale Exklusivität des auserwählten Volks” auftrete. Zudem sei deutlich geworden, dass der Zionismus “die Ideen und Methoden des Hitlerfaschismus” wiederbelebe.

Alle Sowjetbürger – “Arbeiter, Bauern, Vertreter der Intelligenz” – wurden aufgefordert, aktiv am Kampf gegen den Zionismus teilzunehmen, den “reaktionären Kern dieser Ideologie” freizulegen und den “aggressiven Charakter” seiner “politischen Praxis” zu entlarven.

Dem “Antizionistischen Komitee der sowjetischen Öffentlichkeit” gehörten nur dem sowjetischen System treu ergebene Juden an, darunter Yakov Fishman, der Oberrabbiner von Moskau, und David Dragunsky, Generaloberst der sowjetischen Armee und zweifacher “Held der Sowjetunion”.

Kampf gegen Zionismus, geführt von “kritischen Intellektuellen”

Damals schon hatte die Führung der Sowjetunion begriffen, dass “Israelkritik” einen besonders glaubwürdigen Klang hat, wenn sie von Juden vorgebracht wird. Deswegen wurde bereits bei der Gründung des Komitees betont, Kritik an der “zionistischen Ideologie” und der “aggressiven Politik” der in Israel herrschenden Kreise könnte keinesfalls als “antisemitisch” bezeichnet werden.

Das Komitee veranstaltete Pressekonferenzen, gab Erklärungen ab und tanzte brav nach der Pfeife des ZK, bis es 1987 aufgelöst wurde. Der Jude hatte seine Arbeit getan, der Jude konnte gehen.Damals schon hatte die Führung der Sowjetunion begriffen, dass “Israelkritik” einen besonders glaubwürdigen Klang hat, wenn sie von Juden vorgebracht wird. Deswegen wurde bereits bei der Gründung des Komitees betont, Kritik an der “zionistischen Ideologie” und der “aggressiven Politik” der in Israel herrschenden Kreise könnte keinesfalls als “antisemitisch” bezeichnet werden.

Inzwischen ist auch die Sowjetunion im Abgrund der Geschichte verschwunden, mit ihr das ZK der KPdSU und seine diversen Komitees. Aber der Kampf gegen den “aggressiven Charakter” und die “politische Praxis” des Zionismus, verkörpert im und durch den Staat Israel, geht weiter.

Er wird geführt von “kritischen Intellektuellen”, die sich “Israelkritiker” nennen; im Prinzip ein Beruf wie Eventmanager oder Insolvenzverwalter – nur besser angesehen. Vor allem seit vor ein paar Tagen der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Salomon Korn, einen besonders umtriebigen “Israelkritiker” vom Verdacht, ein verkappter Antisemit zu sein, freigesprochen und für koscher erklärt hat.

Brief an meinen Lieblings-Antisemiten Augstein

Kurz die Vorgeschichte: Am 6. Dezember letzten Jahres veröffentlichte ich in der Onlineausgabe der “Welt” einen offenen “Brief an meinen Lieblingsantisemiten (Jakob) Augstein”, Herausgeber der Wochenzeitung “Freitag” und Kolumnist bei “Spiegel online”. Dem offenen Brief vorausgegangen war ein Artikel in der “Welt” vom 27. November: “Was Antisemitismus und Körpergeruch verbindet”.

In beiden Texten ging es um Augsteins Kolumnen, in denen er sich auf eine – meiner Meinung nach – “obsessive” Weise mit Israel beschäftigt, die den Rahmen jeder Kritik sprengt. Augstein dämonisiert Israel, so wie früher der einzelne Jude dämonisiert wurde, als Gefahr für den Weltfrieden und Verursacher von vielerlei Übel; er stellt Verschwörungstheorien auf, in denen Israel als globaler Strippenzieher dargestellt wird; er erklärt Israel explizit zum Nutznießer und implizit zum Anstifter der Unruhen in den arabischen Ländern; kurzum, er lässt seinem tief sitzenden Hass auf eine “Großmacht” im Nahen Osten freien Lauf, während es nichts Vergleichbares aus seiner Feder zu den Zuständen im Iran, im Irak, in Syrien oder Saudi-Arabien gibt. Wenn das “kritischer Journalismus” ist, dann ist die “Allgemeine Fleischer Zeitung” das Zentralorgan des Bundes Deutscher Vegetarier.

“Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs”

Nachdem die beiden Artikel erschienen waren, passierte – nichts, wenn man von den Reaktionen der “Freitag”-Community in den Onlineforen absieht, deren Angehörige ihrem Guru zu Hilfe eilten. Augstein selbst hielt sich bedeckt, er nahm nicht einmal das Angebot an, mit mir zu diskutieren. Das änderte sich schlagartig, nachdem das Simon Wiesenthal Center in Los Angeles Ende Dezember eine Liste mit den “Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs” für das Jahr 2012 veröffentlichte.

“Slur” heißt so viel wie “Beleidigung”, “Verleumdung”, im übertragenen Sinne auch “Schmiererei”. In der Top-Ten-Liste der antisemitischen und antiisraelischen Schmierereien des vergangenen Jahres landete Augstein auf dem vorletzten Platz, weit hinter dem Chef der ägyptischen Muslimbrüder und dem iranischen Präsidenten und einen Platz vor dem Schlusslicht, dem Nation-of-Islam-Prediger Louis Farrakhan.

Die Platzierung wurde mit fünf einschlägigen Zitaten aus seinen Kolumnen unterlegt, die auf “Spiegel online” erschienen waren. Darunter stand, in kursiver Kleinschrift, ein Zitat von mir: Augstein sei kein Salon-Antisemit, sondern ein lupenreiner Antisemit, der nur dank der Gnade der späten Geburt um die Chance gekommen ist, Karriere bei der Gestapo zu machen …

Gewiss keine Schmeichelei, aber dem Gegenstand der Betrachtung angemessen.

Nun gibt es auch in Los Angeles Menschen, die Deutsch können und den “Spiegel” und die “Welt” lesen. Ich hatte mit dem Simon Wiesenthal Center vor 20 Jahren zum ersten und letzten Mal Kontakt, als ich für den “Spiegel” eine Geschichte über die “Amerikanisierung des Holocaust” schrieb.

Weder hatte ich Augstein beim SWC “angezeigt”, noch hat sich irgendjemand vom SWC an mich gewandt und gefragt, wen ich auf der Top-Ten-Liste sehen möchte. Das SWC bedient sich aus öffentlichen, jedermann und jederfrau zugänglichen Quellen.

Salomon Korn, mitten in der deutschen Wirklichkeit

Der stellvertretende Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, der in den vergangenen Monaten vor allem durch öffentliches Schweigen aufgefallen war, während er sich der Pflege seiner Krawatten und Manschettenknöpfe widmete, wusste es freilich besser.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte er, es sei “sicherlich nicht sehr klug vom Simon Wiesenthal Center” gewesen, “sich sozusagen in die Argumentation von Henryk Broder zu begeben”, das Center habe “offensichtlich nicht genügend recherchiert oder sich kundig gemacht, bevor es also das geäußert hat, und wahrscheinlich ist es hier doch ins Fahrwasser von Henryk Broder geraten und hat sich nicht seine eigene Meinung gebildet”.

Offensichtlich sei das SWC “ziemlich weit weg sozusagen von der deutschen Wirklichkeit”, während er, Salomon Korn, mitten in der deutschen Wirklichkeit daheim wäre. Deswegen glaube er, “dass das Simon Wiesenthal Center hier einfach Henryk Broder zu weit gefolgt ist, denn Henryk Broder schießt nun mal über das Ziel hinaus, er ist ein Polemiker, und er ist jemand, der stark überspitzt, dafür ist er auch bekannt”.

Und: “Man kann nicht immer alles wörtlich nehmen, was er sagt, und man kann auch nicht immer alles ernst nehmen, was er sagt. Es gehört sozusagen zu seinem Image, dass er das tut. Und das Simon Wiesenthal Center hätte besser daran getan, hier Broder nicht zu folgen oder zumindest sich selbst zu informieren, um sich dann ein Urteil zu bilden”.

Methoden des “Antizionistischen Komitees”

Mehr erschüttert als geschmeichelt nahm ich zur Kenntnis, dass das SWC auf mein Kommando hört, während nicht einmal meine eigene Familie das tut, was ich will. Weniger lustig war, dass Korn mich quasi für verrückt erklärte – eine Technik, derer sich auch das “Antizionistische Komitee der sowjetischen Öffentlichkeit” im Umgang mit seinen Kritikern bediente. Mit dem mir verbliebenen Rest an Zurechnungsfähigkeit fragte ich mich, warum sich Korn dermaßen ausgiebig an mir abarbeitet, wenn man das, was ich sage, nicht ernst nehmen muss.

Es war nicht die einzige Reaktion, die den Regeln der Logik zuwiderlief. Juliane Wetzel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung, erklärte in einem Interview mit dem Magazin “Cicero”: “Es ist sowieso immer problematisch, jemanden als Antisemiten zu bezeichnen. Man kann höchstens sagen: Der oder der bedient antisemitische Klischees, Ressentiments, Vorurteile.”

Wie nennt man jemanden, der antisemitische Klischees bedient?

Wie nennt man jemanden, der lügt? Einen Lügner. Wie nennt man jemanden, der trinkt? Einen Trinker. Wie nennt man jemanden, der klaut? Einen Dieb. Nur jemanden, der “antisemitische Klischees, Ressentiments, Vorurteile” bedient, darf man nicht einen Antisemiten nennen, zumindest nicht nach den strengen wissenschaftlichen Maßstäben des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, dessen ehemaliger Direktor, Wolfgang Benz, auch nach dem Anschlag von Toulouse, bei dem ein jüdischer Lehrer und drei jüdische Kinder von einem Salafisten erschossen wurden, “keine neue Dimension des Antisemitismus” erkennen konnte.

Es war ihm nicht einmal klar, “ob die Morde wirklich ein antisemitisches Motiv hatten oder die Opfer von einem Terroristen zufällig ausgewählt worden sind” – der einfach Bock auf etwas Gewalt hatte.

Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten Verbandes, Michael Konken, stellte sich hinter Augstein und begründete dies mit der “besonderen Verantwortung aufgrund des Holocaust”: “Dieser Verantwortung kann aber nur gerecht werden, wer sich kritisch mit der Politik und den Entwicklungen im Nahen Osten auseinandersetzt.” Womit Konken einer Pointe des Schriftstellers Wolfgang Pohrt neues Leben einhauchte, der schon vor Jahren gelästert hatte, es sei die Pflicht der Deutschen, darauf zu achten, “dass die Juden nicht rückfällig werden”.

“Augstein argumentiert differenziert”

Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Micha Brumlik nahm Augstein ebenfalls in Schutz. Er sagte der “taz”: “Augstein manövriert zwar gelegentlich an der Grenze zum Ressentiment, aber er argumentiert differenziert.” Es war einer jener Augenblicke, da mir bewusst wurde, wie gut ich daran getan hatte, meine akademische Ausbildung rechtzeitig abzubrechen, um nicht in jener Ecke zu landen, wo man sich seiner Ressentiments nicht schämt, sondern sie “differenziert” artikuliert.

Brumliks Kollege, der Potsdamer Historiker Prof. Dr. Julius Schoeps, war ebenfalls um Differenzierung bemüht. In einem Interview mit dem RBB sagte er: “Wenn man sich die Formulierungen von Augstein ansieht, kann man sehr nachdenklich werden, wenn er sagt, das Feuer brennt in Libyen, in den arabischen Ländern, im Jemen und so weiter, und dann erklärt, aber die Brandstifter sitzen anderswo, nämlich in Washington und Jerusalem, da stimmt schon was nicht …” Zugleich aber riet er dazu, “sehr vorsichtig mit dem Begriff Antisemitismus umzugehen” und Augstein “nicht an die Wand zu stellen”.

Sich wegduckende Intellektuelle

Auffällig an dieser Debatte war, wie viele öffentliche Intellektuelle mit jüdischem Bildungshintergrund an ihr teilnahmen, um Augstein beizustehen, diesmal ganz freiwillig und ohne jeden Auftrag irgendeines ZK einer Partei. Von Korn bis Schoeps, von Friedman bis Wolffsohn, von Segev bis Seligmann.

Dennoch behauptete der Generalsekretär der Evangelischen Akademien in Deutschland, Klaus Holz, “viele Intellektuelle” würden “sich bei solchen Debatten wegducken” und damit das Feld für “die Broders dieser Welt” räumen, wobei ihm mit der Formel “die Broders dieser Welt” ein extrem differenzierter Hinweis auf eine weltumspannende jüdische Kooperative gelang.

Ich las alle diese Stellungnahmen und fragte mich, ob alle diese Leute dasselbe Zeug kiffen würden. Es ging nicht um Augstein und seine Kommentare, die man alle im Netz nachlesen kann, es ging um mich – und wie ich es geschafft hatte, das SWC vor meinen Karren zu spannen.

Es hat einen von ihnen erwischt

Niemand sprach Augstein das Recht ab, Israel zu kritisieren, mir wurde aber das Recht abgesprochen, Augstein für seine “Kritik” an Israel zu kritisieren, wobei mir von einem Kollegen sogar nahegelegt wurde, etwas mehr Demut und Dankbarkeit an den Tag zu legen: “Es spricht für den deutschen Rechtsstaat, dass Henryk M. Broder bis heute frei herumläuft …” Ja, damit hat der deutsche Rechtsstaat seine schwerste Bewährungsprobe tadellos bestanden.

Was war es, fragte ich mich, das gebildete Menschen dermaßen aus der Fassung brachte, dass sie bei dem Versuch, meiner habhaft zu werden, argumentatives Harakiri begingen?

Ich glaube, es war die schiere Verzweiflung, dass es mit Jakob Augstein einen von ihnen erwischt hatte. Zwar sollen, “wissenschaftlichen” Erhebungen zufolge, etwa zwanzig Prozent der Deutschen antisemitische Einstellungen mit sich herumtragen, es soll sich aber um Angehörige von Randgruppen halten, also die weniger gebildeten Stände, die noch nie ein Gedicht von Günter Grass gelesen oder ein Klezmer-Konzert besucht haben.

Und wenn es mal heißt, der Antisemitismus sei “in der Mitte der Gesellschaft” angekommen, wird sorgfältig darauf geachtet, die M
itte nicht zu lokalisieren und keine Namen zu nennen, denn es könnte sich ja einer, mit dem man ab und zu auf demselben Panel sitzt, getroffen fühlen.

Der Antisemitismus geht mit der Zeit

Die Intellektuellen dieser Republik, die sonst jedem Zeitgeist auf der Spur sind, klammern sich an einen Begriff von Antisemitismus, der so alt und verstaubt ist wie eine mechanische Schreibmaschine aus den 30er-Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Antisemitismus – das ist die SA und die SS, die Endlösung und der Holocaust, Auschwitz und Nürnberg. Sie weigern sich einzusehen, dass auch der Antisemitismus mit der Zeit geht, dass er ein dynamisches und kein statisches Phänomen ist, dass er sich laufend ändert und vor allem: den Antisemitismusforschern immer um mindestens eine Nasenlänge voraus ist. Wie die Hacker den IT-Experten.

Kein Mensch stellt sich heute Bankräuber so vor, wie sie von Carl Barks gezeichnet wurden, mit Augenmasken, Stoppelbärten und Schiebermützen. Kein Bankräuber macht sich heute mit einem Schweißbrenner an einem Tresor zu schaffen. Die modernen Panzerknacker sitzen in Maßanzügen in ihren vollklimatisierten Büros oder ganz entspannt in einem Café und saugen anderer Leute Konten mithilfe eines Laptops ab.

Moderne Antisemiten argumentieren subtil

Das Gleiche gilt auch für Antisemiten. Die treten nicht mehr als SA-Männer auf und schmeißen keine Schaufenster jüdischer Geschäfte mehr ein. Moderne Antisemiten argumentieren subtil: Sie sagen, Israel sei die Weltgefahr Nummer eins, und hinter allem stecke die allmächtige “Israel-Lobby”. Und unterstellen damit: Gäbe es Israel nicht, dann wäre der Frieden auf Erden kein Problem. Das ist Antisemitismus pur. Das zu begreifen, überfordert die meisten Intellektuellen, die über “das Ende der Suhrkamp-Kultur” so bestürzt sind, dass sie darüber vergessen, dass das einzig Beständige im Leben der Wandel ist.

Natürlich gibt es hier und da noch den guten alten Antisemitismus, wie bei der NPD, aber der hat kulturell und politisch ausgedient. So finde ich es beinah tröstlich, dass sich auf Facebook eine Gruppe mit dem Namen “Schiebt Broder nach Israel ab!” gebildet hat.

Das ist endlich mal eine konstruktive Idee. Ich habe schon einen Flug gebucht. Denn in Tel Aviv scheint gerade die Sonne, während im deutschen Winter die Tage kurz und finster sind.

Quelle: Die Welt 8.1.2013

“Auge um Auge, Stein um Stein”

Stefanie Galla

Früher hieß es, Juden würden Brunnen vergiften und aus dem Blut christlicher Kinder Matzen backen. Später dann, der Jude sei ein Dämon der Zersetzung, ein Parasit, der ganze Völker befällt. Heute glaubt man, Israel sei die größte Bedrohung für den Weltfrieden. Wobei niemand fragt, welcher Weltfrieden überhaupt gemeint sein könnte – bei all den Kriegen und Konflikten, die derzeit stattfinden. 

Der Glaube, Juden seien Brunnenvergifter und Volkszersetzer, gilt als Antisemitismus, während der Vorwurf, der jüdischen Staat gefährde den Weltfrieden, unter “legitime Israelkritik” fällt. 65 % der Deutschen sahen bereits im Jahre 2003 in einer von der EU beauftragten Umfrage in Israel die größte Bedrohung für diesen Weltfrieden. Dass im Zusammenhang mit Vorwürfen gegen Israel immer wieder die Sprache auf die sogenannte jüdische Lobby in den USA (oder auch nur den Zentralrat der Juden in Deutschland) kommt, kollidiert nicht mit der Behauptung, dass es sich keineswegs um ein Ressentiment gegen Juden, sondern nur um “legitime Kritik” am jüdischen Staat handle.

Die deutsche Medienlandschaft hat fast einhellig Jakob Augstein verteidigt. Augstein sei kein Antisemit, ihn auf Platz 9 der Top-Ten-Antisemiten zu platzieren, sei absurd – so der allgemeine Tenor. Das Simon Wiesenthal Center kürt auf seiner Liste aber nicht die zehn größten Antisemiten, sondern benennt dort die nach Meinung des Centrums zehn schlimmsten antiisraelischen/ antisemitischen Slurs, zu deutsch: Verunglimpfungen. 

Neben Augsteins Unterstellung, die Atommacht Israel sei die größte Gefahr für den Weltfrieden, findet man dort auch ein ins Englische übersetztes Zitat von ihm, wonach die jüdischen „Ultraorthodoxen oder Haredim“ aus dem gleichen Holz geschnitzt seien wie die islamistischen Fundamentalisten, von denen Israel bedroht werde. Diese islamistischen Fundamentalisten beschießen Israel mit Raketen und verüben blutige Terroranschläge; ganz zu schweigen davon, dass sie auch ihre eigenen Leute terrorisieren. Augstein fügte noch hinzu, dass es sich bei den ultraorthodoxen Juden mitnichten um eine kleine Splittergruppe handeln und drei solche Gruppierungen in der Regierung Nethanjahu vertreten wären.

Augstein verdreht die Wirklichkeit, indem er fundamentalistische Islamisten, die Israel bedrohen, mit ultraorthodoxen Juden gleichsetzt, von denen viele den Dienst an der Waffe verweigern. Er geht aber noch einen Schritt weiter, indem er so tut, als gehörten – den islamistischen Fundamentalisten vergleichbare jüdische Gruppen – auch der Regierung Nethanjahu an. Das ist eine grobe Verfälschung der Realität – unter dem Titel „Gesetz der Rache“. Es ist das alte Klischee des rachsüchtigen Juden, mit dem Augstein spielt, das „Auge um Auge, Zahn um Zahn“.

Das Simon Wiesenthal Center führt weitere Beispiele auf, wie Augstein die Tatsachen verdreht. Aber anstatt sich mit den konkreten Vorwürfen auseinanderzusetzen und zu schauen, ob das Simon Wiesenthal Center zumindest mit seiner Behauptung Recht haben könnte, dass es sich um Verunglimpfungen handelt, wird Augstein verteidigt, werden die Vorwürfe gegen ihn pauschal als unhaltbar und skandalös zurückgewiesen.

Es gibt verschiedene Arbeitsdefinitionen für Antisemitismus. Es wäre ein Leichtes gewesen zu prüfen, ob Augsteins Aussagen, auch wenn sie sich vordergründig gegen die Politik des Staates Israel richten, dennoch als antisemitisch zu bewerten sind. Stattdessen wurden das Simon Wiesenthal Center und Henryk Broder, der im Zusammenhang mit Augstein auf der Liste zitiert wurde, in den Fokus der Kritik gerückt.

Die Deutschen bekommen ihre Informationen über Israel und den Nahost-Konflikt aus den Medien. Nach dieser Diskussion darf es keinen wundern, dass 65 % der Deutschen in Israel die größte Bedrohung für den Weltfrieden sehen. Es ist bereits bemerkenswert, dass die Deutschen vom Ausland her darauf aufmerksam gemacht werden mussten, dass das Bild von Israel in den deutschen Medien verzerrt wird. Die Reaktionen darauf, eine Front der Abwehr, war die falsche Antwort. Man hätte zumindest prüfen sollen, ob an den Feststellungen des Simon Wiesenthal Centers etwas dran sein könnte. Es sei denn, man will das gar nicht, denn, wenn die Israelis sich heute so aufführen wie die Nazis damals, können wir ja gar nicht so schlimm gewesen sein, und müssen daher auch keine Rücksichten mehr nehmen.

Siehe auch: 
Dr. Moshe Kantor, the head of the European Jewish Congress (EJC), accused Der Spiegel journalist Jakob Augstein of using his columns to stoke hatred against Israel and Jews. 
http://www.jpost.com/JewishWorld/JewishNews/Article.aspx?id=298846

Quelle: achgut 9.1.2013

Wiglaf Droste: Sind so kleine Deutsche

Wiglaf Droste

Ich höre sie jammern, 
sie dürften als Deutsche 
in Deutschland nichts gegen 
Israel sagen. 

Das dürfen sie aber, 
es tun auch fast alle, 
und können dann nicht mal 
ein Echo vertragen. 

Das Ärgste an allem 
Germanengegreine 
sind das etwa Gallen-? 
Nein: Aug-Martensteine.

Quelle: achgut 8.1.2013

Broder: „Augstein bereitet die nächste Endlösung vor“

Stuttgart – Was haben die ägyptischen Muslimbrüder, das iranische Regime und der deutsche Verleger Jakob Augstein gemeinsam? Nach Ansicht des Simon-Wiesenthal-Zentrums zählen sie zu den schlimmsten Antisemiten der Welt. Augstein wehrt sich – Henryk M. Broder kontert im Interview.

Herr Broder, wie oft haben Sie als Kind in der Ecke gestanden, weil sie sich mit Klassenkameraden gekloppt haben?
Ich war als Kind extrem gefügig und extrem anpassungsbereit. Erst in den letzten Schuljahren wurden meine Eltern zunehmend in die Schule gerufen. Nicht, weil ich schlechte Noten hatte. Sondern weil ich auf die Teilnahme am Unterricht keinen Wert mehr legte. Aber warum fragen Sie?

Sie keilen seit Dezember kräftig gegen den Journalisten Jakob Augstein …
Nein, ich keile auch nicht gegen Augstein. Ich mache das, was er macht: Ich mache von meinem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch. Augstein fragt immer: Ja, darf man denn nicht mehr Israel kritisieren? Ich stelle die Frage: Ja, darf man denn nicht mehr Jakob Augstein kritisieren?

Kritisieren sicher – aber so? Der jüdische Professor Micha Brumlik widerspricht Ihnen.
Brumlik hat gesagt: „Augstein manövriert zwar gelegentlich an der Grenze zum Ressentiment, aber er argumentiert differenziert.“ Also bei so einer Aussage muss man an der Gemütsverfassung eines deutschen Gelehrten zweifeln.

Geht es etwas konkreter?
Hinter der ganzen Debatte steckt doch etwas ganz anderes: Augstein und seine Verteidiger segeln unter der Fahne Israelkritik. Und ich wiederhole wieder und wieder: Das hat mit Israelkritik nichts zu tun. Kritik muss auch nicht fair, sachlich oder ausgewogen sein. Sie muss nur etwas mit dem Gegenstand zu tun haben, den sie kritisiert. Es ist nicht Kritik, wenn Augstein und Grass sagen, Israel bedrohe den Weltfrieden. Es ist nicht Kritik, wenn Augstein sich bei Grass dafür bedankt, dass der ihn aus dem Schatten der Deutschen Geschichte geführt habe.

Was ist es denn dann?
Mentale Probleme. Mentale Probleme, die Augstein mit sich selbst und mit der deutschen Geschichte hat. Er wartet nur auf jeden Anlass, von der Schuld, die er auf seinen Schultern spürt, befreit zu werden. Und dafür ist Israel der ideale Sündenbock.

Salomon Korn sieht das anders. Der Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland sagt, er habe nie den Eindruck gehabt, Augsteins Texte seien antisemitisch …
Ich fürchte, er hat sie nicht einmal gelesen. Der Zentralrat hat sich immer als Weichspüler verstanden. Als Instrument der Anpassung, des Appeasements. Und wann immer ich mit Leuten des Zentralrats zusammenkomme – und das lässt sich nicht immer vermeiden – dann werde ich abgemahnt, ich soll nicht so offensiv auftreten. Ich würde den Antisemitismus damit nur befördern. Der Zentralrat will vor allem eines: nicht provozieren. Ruhe in der Etappe.

Und Augstein will kommentieren – immerhin seine Pflicht als Journalist.
Augstein kommentiert nicht, er verarbeit seine Ressentiments zu Lektüre. Das einzige, was ich als mildernden Umstand zubilligen könnte, wäre: Er tut es mit unschuldigem Herzen. Aber auch das lasse ich als Entschuldigung nicht gelten. Antisemitismus ist eine Krankheit: Alkoholiker würden sich selbst nie als Alkoholiker bezeichnen. Die glauben immer, sie könnten jederzeit damit aufhören. Männer, die ihre Frauen prügeln, glauben, nicht gewalttätig zu sein. Sie glauben, nur zu erziehen. Und in diese Kategorie gehören auch die Antisemiten: Sie sind nicht in der Lage, ihr Verhalten zu reflektieren.

Verprügeln Sie da nicht den Boten für seine Botschaften? Die israelische Siedlungspolitik ist kritikwürdig, Augsteins Haltung zu den Palästinensern kann man diskutieren. Aber das ist lange noch kein Antisemitismus.
Auf keinen Fall. Sie können sagen, Israels Regierung besteht aus lauter Vollidioten. Sie können sagen, die behandeln die Palästinenser falsch. Die Siedlungspolitik ist falsch. Das alles ist zulässig. Das alles ist richtig…

… und wo ist dann Ihr Problem?
Sie können nicht sagen, Israel sei die Bedrohung für den Weltfrieden angesichts der Tatsache, dass der Iran nicht müde wird zu erklären, Israel habe von der Landkarte zu verschwinden. Wobei die deutsche Sichtweise die ist, ob Ahmadinedschad gesagt hat: Wir werden dafür sorgen, dass Israel verschwindet – oder: Israel wird verschwinden. Das scheint für deutsche Sprachexegeten der wesentliche Unterschied zu sein. Sie können auch nicht sagen, Gaza ist ein „Lager“ und damit auf ein KZ anspielen. Wenn Gaza ein Lager ist, dann sind nicht die Israelis die Wächter, sonder die Leute der Hamas.

Wo ist die Grenze zwischen Kritik an Israel und Antisemitismus?
Die Grenze verläuft dort, wo ein Vernichtungswille hinter der Äußerung steckt. Wenn sogar gegen die Lieferung von Defensivwaffen wie den Patriot-Raketen präludiert wird, wie kürzlich von den Grünen. Dann ist es keine Kritik mehr. Dann ist es der Versuch, den Lauf der Geschichte so zu manipulieren, dass es auf den nächsten Holocaust hinausläuft. Ahmadinedschad, die Muslimbrüder, sind natürlich eine andere Spielklasse als Augstein. Aber das ist nur eine Form der Arbeitsteilung: Der Iraner leugnet den Holocaust, Augstein bereitet propagandistisch die nächste Endlösung der Judenfrage vor – diesmal in Palästina. Die Juden, die Israelis, so legt Augstein nahe, sind das größte Problem, das dem Frieden in der Welt im Weg steht.

Also, Augstein in einem Atemzug mit der Endlösung zu nennen, das ist schon …
… starker Tobak, ich weiß. Aber ich kann es begründen. Fast alle, die sich an der Debatte beteiligen, haben ein statisches Bild vom Antisemitismus. Dieses Bild wird natürlich bestimmt aus der Erfahrung des Dritten Reiches. Das ist der deutsche Inbegriff von Antisemitismus: Auschwitz, Holocaust, Endlösung, sechs Millionen. Was unterhalb dieser Schwelle ist dann kein Antisemitismus mehr, sondern eine Bagatelle.

Geht es konkreter?
Gerne. Niemand würde sich Bankräuber so vorstellen wie bei Dagobert Duck: Als Panzerknacker im roten Shirt und schwarzer Augenbinde. Der moderne Bankräuber sieht aus wie sie und ich. Er sitzt am Rechner und saugt die Konten mit Hilfe von Computerprogrammen leer. Er steht nicht mehr mit dem Schweißbrenner vor dem Tresor. So ist es auch mit dem Antisemiten: Der tritt nicht als SA-Mann auf. Der schmeißt keine Schaufenster jüdischer Geschäfte mehr ein. Der moderne Antisemit argumentiert subtil: Er sagt, dass Israel die Weltgefahr Nummer eins sei, hinter allem die „Israel-Lobby“ steckt“. Und unterstellt damit: Gäbe es Israel nicht, wäre der Frieden auf Erden kein Problem. Das ist Antisemitismus pur.

Quelle: Schwarzwälder Bote, 7.1.2013

Juden und die DDR – eine unheimliche Liebe …

Vincent von
Wroblewsky
Juden und die DDR – eine unheimliche Liebe …

Vor vielen Jahren – ich war noch Student – nutzte ich mit Freunden einige
freie Tage, um im Norden Berlins das Kloster Chorin und seine Umgebung
kennenzulernen. Wir fanden Unterkunft bei der Witwe eines Kunstschmiedes, der
vor kurzem gestorben war. Unbeholfen artikulierten wir unser Beileid, worauf
uns die Witwe zu unserem Erstaunen erzählte, warum der Tod ihres Mannes ihr
nicht nur Grund zur Trauer war. Sie hatten jung geheiratet – die große Liebe.
Beim ersten gemeinsamen Frühstück gab sie ihm das Gelbe von ihrem
weichgekochten Ei. Nicht, weil sie es nicht mochte, im Gegenteil! Einen
größeren, selbstloseren Liebesbeweis hätte sie kaum erbringen können. Und so
geschah es auch am nächsten Morgen, und am übernächsten, Tag um Tag, Woche um
Woche, ein halbes Jahrhundert lang… Nun aß die Witwe wieder ihr morgendliches
Ei, nicht nur in seiner faden weißen Unschuld, sondern mit dem schmackhaften
cholesterinreichen Eigelb, das vielleicht den Anbruch ihrer neuen Freiheit
beschleunigt hatte.

An diese Geschichte habe ich in den folgenden Jahren immer mal wieder denken
müssen – und vielleicht hat sie mich auch beeinflußt, als ich zusagte, hier vor
Ihnen zu sprechen, und ein derart vieldeutiges und verfängliches Thema wählte.
Was mich am Thema “Juden und die DDR” interessiert, die gegenseitige
Beziehung, die Wechselseitigkeit, kurz die Problematisierung des Themas, oder
auch – philosophisch gesprochen – die Bedingung der Möglichkeit einer
derartigen Beziehung.

Zahlen und Daten sind wichtig, sie sind jedoch nur die Hülle, unter der sich
komplexere Gebilde verbergen. Vielleicht ist mir deshalb die Liebe in die
Überschrift gerutscht. Gibt es denn intensivere, und zugleich problematischere,
gefährdetere, mißdeutigere Beziehungen als die der Liebe? Dieses
widersprüchliche Ensemble von mehr oder weniger asymmetrischen Erwartungen und
Bedürfnissen, von Tagträumen, Phantasien, Projektionen und Obsessionen, von
überraschenden Reaktionen, die von verdrängten frühen Prägungen mitgesteuert
werden, entzieht sich erschöpfenden rationalen Erklärungen, läßt sich nicht auf
Kausalketten reduzieren. Sie taugt deshalb für mein Thema als Metapher wie als
Paradigma.

Unheimlich war die Liebe zwischen Juden – wir werden genauer sehen, welche
besonders gemeint sind – und der offiziellen DDR nicht primär in der
umgangsprachlichen Bedeutung von “besonders groß”, so wie man von
einem “unheimlichen Glück” spricht. Es geht mir eher um die Bedeutung
von “unheimlich” als “unerwartet”,
“beunruhigend”, auch als “undurchschaubar”, “nicht zu
trauen”, so wie man von einem unheimlichen Menschen spricht, oder einer
Landschaft, in der man nicht heimisch ist.

Damit die Unheimlichkeit, die Bedrohung, die Fremdheit nicht noch größer
werde – wir wissen ja, daß sie zwar nicht die Ursache, jedoch häufig fördernder
Begleitumstand von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus ist -, will ich
versuchen, die auf den ersten Blick seltsam anmutende Beziehung von Juden und
DDR etwas vertrauter zu machen.

Beziehungen beginnen meistens mit einer ersten Begegnung, jedoch nicht immer
voraussetzungslos und ohne Vorgeschichte. So auch in unserem Fall. Wie konnten
Juden nach 1945, nach dem fast geglückten Versuch, sie aus Europa zunächst zu
vertreiben, dann in Europa (fürs erste in Europa:”… und morgen die ganze
Welt…”) als Volk umzubringen, überhaupt auf den Gedanken kommen, in
Deutschland zu bleiben (insofern sie dort überlebt hatten oder sich aus Lagern
befreit auf dessen Territorium befanden) oder gar aus der Emigration
zurückzukehren?

Helmut Eschwege beschreibt die damalige Situation: “Vorherrschender
Gedanke nach der Befreiung war bei Juden des In- und Auslandes, die letzten
Reste des jüdischen Gemeindelebens in Deutschland zu liquidieren und für die
Auswanderung der Überlebenden zu sorgen. Zutiefst saß der verständliche Haß bei
ihnen gegen ein System von Verbrechern, die das deutsche Volk in seiner Masse
hatte gewähren lassen. So wurde die Berliner Gemeinde damals
‘Liquidationsgemeinde’ genannt. Aber ganz so einfach war die ‘Liquidation’
nicht. Die Engländer hielten die Grenzen Palästinas verschlossen und die USA
ließen nur wenige neue Einwanderer in ihr Land.

Der harte Winter 1945/46 und das Erkennen des tragischen Endes ihrer
Familien ließ eine ganze Reihe von Juden den Freitod wählen. Nicht wenige
verließen verbittert Deutschland. Groß waren damals auch als Folge der
KZ-Leiden die Sterbefälle. Erwähnt werden sollte, daß das ‘American Joint
Distribution Commitee’ und die MRO’ großzügig halfen, die bitterste Not zu
lindern. Viele Juden besaßen nur die Kleidung, die sie aus dem KZ mitgebracht
hatten. Die meisten waren ausgehungert, oft krank, noch ohne Arbeit, ohne
Einkommen und nur notdürftig untergebracht.”E;mso-fareast-languageE;mso-bidi-language:AR-SA”>[1]

Ein geringer Teil dieser Überlebenden blieb in Deutschland, meistens in den
Westzonen, auf die Weiterwanderung nach Palästina oder andere Länder hoffend.
Einige Hundert jedoch blieben in der SBZ, der sowjetisch besetzten oder auch Ostzone.E;mso-fareast-languageE;mso-bidi-language:AR-SA”>[2]
 Ihre Bindung zum Judentum war meistens
schon vor der Nazizeit sehr schwach gewesen. Die Überlebenschancen orthodoxer
Juden – sie waren keine Mischehen eingegangen und hatten keine christlichen
Freunde – waren minimal.

In den ersten Nachkriegsjahren kehrten jedoch Juden in die Sowjetische
Besatzungszone (SBZ) zurück – ihre Zahl wird auf etwa 3.500 geschätztE;mso-fareast-languageE;mso-bidi-language:AR-SA”>[3],
denen es gelungen war, Deutschland zu verlassen, nicht in erster Linie, weil
sie Juden, sondern weil sie als Sozialdemokraten, Kommunisten … Gegner der
Nazis waren. Auf diese Gruppe von Juden (und deren Nachkommen) – früh politisch
engagiert und der Religion, damit auch den Gemeinden entfremdet – will ich mich
im folgenden beschränken, der “unheimlichen Liebe” zwischen ihnen und
der SBZ bzw. ab 1949 DDR will ich nachgehen, schon deshalb, weil es mich selbst
betrifft, aber auch, weil sie innerhalb der zweifachen Minderheit – Minderheit
der Juden in Deutschland, Minderheit der Juden in der DDR innerhalb der Juden
in Deutschland – eine Mehrheit darstellen, die in der Literatur bisher kaum
wahrgenommen wurde.E;mso-fareast-language:
DE;mso-bidi-language:AR-SA”>[4]

Warum wechselte meine Mutter 1950 von Paris nach Berlin, unterbrach meine
zehnjährige französische Kindheit, um ihr plötzlich (und für mich unerwartet,
unvorbereitet) eine deutsche Fortsetzung zu geben? Zu Beginn des Jahrhunderts
in Berlin geboren als Tochter von Berta Wohlgemuth (Wohlgemuth – wie der Lehrer
Albrecht Dürers), diese eine geborene Rosenthal, eine in bescheidenen
Verhältnissen lebende gläubige, noch nicht völlig assimilierte Jüdin mit
osteuropäischen Vorfahren, wuchs meine Mutter nach dem frühen Tod ihres Vaters
in einem jüdischen Waisenheim auf, den Auerbachschen Anstalten, und erhielt auf
dem Sophien-Lyzeum eine gute Ausbildung – deutsche Literatur, englische und
französische Sprache absolvierte sie mit besonderem Erfolg, was ihr bald, nach
der Entlassung aus dem Hause Ullstein und der Emigration 1933, sehr nützlich
sein sollte. Ihre “Identität” war gleichermaßen jüdisch und deutsch –
vielleicht dominierte letztere mit den Jahren. Die Glanzstunden ihrer Jugend
waren die Aufführungen deutscher Klassiker an Reinhardts Deutschem Theater, und
bis in ihr hohes Alter kannte sie des “Faust” ersten Teil auswendig.
Mit viel Entbehrungen und auch Glück überlebte sie in Frankreich die Zeit der
deutschen Besatzung – anders als ihr Mann, der 1944 vierzigjährig an den Folgen
des Widerstandskampfes qualvoll starb.

Überlebt hatte sie zwar – auch dank der Hilfe großartiger Franzosen -, war
jedoch in all den Jahren die Fremde geblieben: für die deutschen Besatzer und
für das offizielle Vichy-Frankreich die zu jagende bzw. auszuliefernde Jüdin
und Kommunistin, für die “normalen” Franzosen die so oder so verdächtige
Deutsche. Und letztere war sie durch ihre Sozialisation viel zu sehr, um sich
je in Frankreich heimisch, wirklich dazugehörig fühlen zu können.

In den ersten Jahren nach der Befreiung öffneten sich ihr neben der
Möglichkeit, weiter in Frankreich zu leben, zwei Wege, für oder gegen die sie
sich zu entscheiden hatte. Vom ersten wollte 1946 Golda Meir sie überzeugen,
die spätere israelische Ministerpräsidentin, damals Leiterin eines jüdischen
Waisenheims in Toulouse, in dem meine Mutter uns provisorisch untergebracht
hatte, um vom Dorf Moutier-Rozeille in der Creuse wieder nach Paris zu kommen,
und in dem sie selbst als Schneiderin arbeitete. Die Option, die Golda Meir
anbot: eine jüdische Identität in einem eigenen Staat Israel (sie war 1946 von
dessen bevorstehender Gründung überzeugt und wirkte intensiv in diesem Sinne)
war die zionistische, die meine Mutter wie bereits vor 1933 trotz der seitdem
gemachten historischen Erfahrungen ablehnte. Die nächste Wegscheide zeigte ihr
Ende 1949 ein deutscher Genosse, der im Spanienkrieg zur Verteidigung der
Republik einen Arm verloren hatte und den sie nun in Paris traf.

Er erzählte ihr von der Gründung eines deutschen Staates mit
antifaschistisch-demokratischem Programm, geführt von Antifaschisten, ein
neues, ganz anderes Deutschland, ohne Ausbeutung, weil ohne große Kapitalisten
und ohne Junker, ohne Militarismus und natürlich ohne Rassendiskriminierung und
Antisemitismus. Sie könnte nicht nur in die Stadt ihrer Kindheit und Jugend
zurückkehren, die ihr vertraute Sprache sprechen, sondern vor allem: dort würde
sie gebraucht, da könne sie mitwirken an der Verwirklichung der Ideale, für die
sie mit vielen anderen gekämpft hatte, für die ihr Mann gestorben war, und, für
eine jüdische Mutter wohl noch wichtiger – dort hätten ihre beiden Söhne eine
Zukunft. Diese Argumente, die ihre Vergangenheit und die Zukunft ihrer
Kinder
einschlossen, überzeugten sie wohl, und nach den entsprechenden
nicht leichten Vorkehrungen kehrte sie im Mai 1950 nach Berlin, in den
sogenannten demokratischen Sektor, zurück. Zwar begannen bald die
Desillusionierungen und herben Enttäuschungen, doch die Brücken nach hinten
waren abgerissen, und auf die andere deutsche Seite wechseln kam für sie erst
recht nicht in Frage: dort saßen für sie (und nicht nur für sie) die alten
Nazis; die Globke, Oberländer, Abs, Gehlen und Kompagnie waren wieder und immer
noch einflußreich, der kalte Krieg mit der wechselseitigen Legitimierung von
Antikommunismus hie, Antikapitalismus und Verkennen der tatsächlichen, wenn
auch zähen und widerspenstigen Demokratisierung dort tat ein Übriges, ein
derartiger Wechsel wäre Verrat an ihrem bisherigen Leben gewesen.

Warum habe ich diese private Geschichte so ausführlich erzählt? Zum einen
ist sie typisch für einen beträchtlichen Teil jener Juden, die aus der
Emigration in die DDR kamen und die in der Literatur bisher auch deshalb kaum
wahrgenommen wurden, weil die Jüdischen Gemeinden und die DDR-Regierung, wenn
auch aus verschiedenen Motiven, sich darin einig waren, Juden religiös zu
definieren.E;mso-fareast-language:
DE;mso-bidi-language:AR-SA”>[5]
Zum
anderen aber erlaubt sie Verallgemeinerungen, die mit dem Oberthema unserer
Tagung enger verbunden sind, als es bisher scheinen konnte.

Wie viele Juden ihrer Generation war meine Mutter in ihrem Leben mit den
vier bis fünf “Lösungen” auf die sogenannte “Judenfrage”.E;mso-fareast-languageE;mso-bidi-language:AR-SA”>[6]
In ihrer Kindheit und Jugend hatte sie die oft im Rückblick verklärte
deutsch-jüdische Symbiose erlebt,E;mso-fareast-languageE;mso-bidi-language:AR-SA”>[7]
die gegenseitige Anerkennung und Befruchtung, Bereicherung verschiedener
Kulturen. Auch als sie sich von der Religion ihrer Vorfahren entfernt hatte,
lebte sie in Deutschland mit dem stolzen Selbstbewußtsein, einem Volk
anzugehören, ohne dessen Beitrag ihr Heimatland in jeder Hinsicht ärmer wäre,
und empfand es als Glück, in diesem Land zu leben – die Antisemiten, die
sie auch wahrnahm, waren für sie ein Teil der universellen menschlichen
Dummheit und Gemeinheit, die man auch in der besten Gesellschaft als Randerscheinung
ertragen muß.

Die zionistische Antwort – Bürger eines eigenen Nationalstaates zu werden,
um nicht in einem fremden Nationalstaat den alltäglichen Beleidigungen und
Erniedrigungen und gelegentlich, vor allem in Krisenzeiten, den Launen der Geschichte,
das heißt den Brutalitäten der Rechtgeborenen und Rechtgläubigen ausgeliefert
zu sein – kam für sie nicht in Betracht. Lieber trennte sie sich von dem
Zahnarzt, mit dem sie verlobt war – einem überzeugten Zionist – als dieser
tatsächlich nach Palästina ging.

Nach tiefen ökonomischen und politischen Krisen des Landes gelang es dieser
unvermeidlichen Randerscheinung in Deutschland eine Mehrheit der Bevölkerung zu
gewinnen und – zunächst erfolgreich – blutige Lösungen anzubieten: angefangen
bei der “Reinheit” des eigenen Blutes (das Beispiel des ehemaligen
Jugoslawien zeigt einmal mehr, wie schnell die Reinheit des eigenen Blutes zum
Vergießen des fremden Blutes führt). Die unreine Minderheit begann ebenso wie
die mit dieser “nationalen” Lösung nicht einverstandenen politischen
Minderheiten sich in Deutschland ihres Lebens nicht mehr sicher zu sein. Für
die politische jüdische Minderheit war das schneller offensichtlich,
unpolitische Juden hielten sich, noch von der Illusion deutsch-jüdischer
Symbiose zehrend, fest an den Glauben an einen schnell vorübergehenden, in
einem zivilisierten, kulturvollen Land wie Deutschland nicht haltbaren Spuk. Im
Unterschied zu den anderen Mitgliedern ihrer Familie – zum Beispiel ihrem
Bruder, der wähnte, das ihm im Ersten Weltkrieg verliehene Eiserne Kreuz weise
ihn hinreichend als guten Deutschen aus – war meine Mutter zuerst Angehörige
der politischen Minderheit. Deshalb folgte sie 1933 meinem Vater in die
französische Emigration und kämpfte nach der Besetzung Frankreichs durch
Nazi-Deutschland an seiner Seite in der französischen Résistance.

Dieser Kampf hat auf den ersten Blick nichts mit der “Judenfrage”
zu tun. Betrachtet man jedoch die Motive näher, die wahrscheinlich viele Juden
zur kommunistischen Bewegung führten, wird der Zusammenhang zwischen ihrem
kommunistischen Engagement und der marxistischen Lösung der
“Judenfrage” erkennbar.E;mso-fareast-languageE;mso-bidi-language:AR-SA”>[8]
Marx sah bekanntlich in der Nachfolge linkshegelianischer Religionskritik
Religion als verkehrten Schein realer irdischer Verhältnisse, als falsches
Bewußtsein, das entfremdeten menschlichen Verhältnissen entspringt. Die Ursache
der vielfältigen Formen der Entfremdung des Menschen – Entfremdung von der
Natur, von seinen eigenen Produkten und von den Mitmenschen – entdeckte er
“in letzter Instanz” in den ökonomischen Verhältnissen, das heißt in
der Spaltung der Gesellschaft in verschiedene Klassen, in Besitzende und
Nichtbesitzende (von Produktionsmitteln) und damit in Ausbeuter und
Ausgebeutete. Und diese Spaltung war für Marx nichts Statisches, sich immer
gleich bleibend. Im Gegenteil, in ihr sah er die Kraft, die die Geschichte
vorantrieb, bis zu seiner Zeit vorangetrieben hatte und die Widersprüche auf
den Gegensatz von Kapital und Arbeit vereinfacht hatte. Damit eröffnete sich
für ihn eine Perspektive, die vorangegangenen Geschichtsperioden versagt
geblieben war: zum ersten Mal in der Geschichte war mit dem Industrieproletariat
eine Klasse entstanden, die – anders als zuvor das Bürgertum in seinen
Revolutionen – mit ihrer Befreiung keine neue Form von Herrschaft und
Ausbeutung etablieren würde, sondern eine klassenlose Gesellschaft, frei von
Ausbeutung, in der jeder seine Fähigkeiten voll entfalten und nach seinen
Bedürfnissen leben könnte. Erst dann würden die Ideale der französischen
Revolution, die den Juden zwar die Emanzipation als Staatsbürger gebracht, sie
jedoch in das Dilemma der nationslosen nationalen Minderheit gestürzt hatte –
Wirklichkeit werden können. Dann verschwänden auch Entfremdung und trügerischer
Schein, Ausbeutung und falsches Bewußtsein.

Jetzt zeichnet sich ab, was dieser längere, wenn auch arg verkürzte Exkurs
mit unserem Thema zu tun hat, obwohl ich hier nicht die überaus fragwürdigen
Aspekte von Marx’ “Zur Judenfrage” diskutieren kann, in der er Juden
und Geld und Geld und Bourgeoisie gleichsetzt, was ihm ermöglicht, durch die
wahre Emanzipation die bürgerliche Gesellschaft in der klassenlosen und den
Juden im Menschen aufgehoben zu denken – die “Frage” ist gelöst, in
dem ihr “Gegenstand” verschwunden ist.E;mso-fareast-languageE;mso-bidi-language:AR-SA”>[9]
Für eine Bemerkung zu dieser Jugendschrift von Marx – 1843 verfaßt, 1844
veröffentlicht – sollte jedoch noch Raum sein: Als Kritik an Bruno Bauers
“Die Judenfrage” (1843) intendiert, übernimmt Marx von diesem einige
Auffassungen, die sich – gewiß nicht in bewußter Nachfolge – in der
DDR-Ideologie wiederfinden. Wie Bruno Bauer sieht auch Marx in den Juden kein
Volk, sondern “eine Sammlung von Atomen”, “eine Summe von
atomistischen Individuen”, eine “schimärische Nationalität” und
schließlich eine “Kaste”, die lediglich durch ihre Religion definiert
ist.E;mso-fareast-languageE;mso-bidi-language:AR-SA”>[10]
Auch in der DDR wurde offiziell nur von “Bürgern jüdischen Glaubens”
gesprochen – wenn es um die Opfer ging, galt allerdings die Ergänzung
“jüdischer Abstammung”, denn der Rassismus der Nazis fragte nicht
nach der Religion. Letzteres ist wahrscheinlich auch ein entscheidender Grund
für die Abweichung von dem sonst mit musterschülerhaftem Eifer kopierten
Vorbild der Sowjetunion, wo die Juden als eigene Nationalität galten. Die
Übereinstimmung zwischen Marx und Bauer macht eindringlich auf eine andere,
unerwartete Verwandtschaft aufmerksam. Bei Marx rettete die Aufhebung der
bürgerlichen Gesellschaft und des Juden diesen als Menschen und ließ ihn als
Juden verschwinden. Er war nichts als eine zeitweilige, vorübergehende, zum
Untergang verurteilte Partikularität, eine Form der Entfremdung, der es
historisch bestimmt war, in die Universalität der befreiten Menschheit
überzugehen. Sehen wir, wie Jean-Paul Sartre in seinen “Überlegungen zur
Judenfrage”, nachdem er sehr eindringlich das “Porträt des
Antisemiten” gezeichnet hat, von einem zwar gutwilligen, jedoch nicht sehr
hilfreichem Freund der Juden spricht: “Die Juden haben jedoch einen
Freund: den Demokraten. Aber das ist ein erbärmlicher Verteidiger. […] Seine
Verteidigung besteht darin, die Individuen davon zu überzeugen, daß sie in
isoliertem Zustand existieren. ‘Es gibt keine Juden’, sagt er, ‘es gibt keine
Judenfrage.’ Das bedeutet, er möchte den Juden von seiner Religion, seiner
Familie, seiner ethnischen Gemeinschaft trennen, um ihn in den demokratischen
Schmelztiegel zu stecken, aus dem er allein und nackt wieder herauskommen wird
als ein individuelles und einsames Partikel, das allen anderen Partikeln
gleicht (…) für einen selbstbewußten und stolzen Juden, der auf seiner
Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft besteht, ohne deshalb die Bande zu
verkennen, die ihn an eine nationale Kollektivität binden, besteht zwischen dem
Antisemiten und dem Demokraten kein so großer Unterschied. Jener will ihn als
Menschen vernichten, um nur den Juden, den Paria, den Unberührbaren in ihm
bestehen zu lassen; dieser will ihn als Juden vernichten, um in ihm nur den
Menschen zu bewahren, das abstrakte und allgemeine Subjekt der Menschen- und
Bürgerrechte. Noch beim liberalsten Demokraten kann man eine Spur von
Antisemitismus entdecken: er steht dem Juden feindselig gegenüber, sobald es
dem Juden einfällt, sich als Jude zu denken.”E;mso-fareast-languageE;mso-bidi-language:AR-SA”>[11]

Diese strukturelle Verwandtschaft zwischen marxistischer und
demokratisch-universalistischer Haltung findet sich in der Haltung der DDR
gegenüber den Juden wieder. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinden wurden als
religiöse Minderheit wie alle Religionsgemeinschaften in dem Maße offiziell
anerkannt und toleriert, wie sie nicht in Gegensatz zu essentials des
sozialistischen Staates gerieten, zu sogenannten Grundlagen der sozialistischen
Gesellschaft. Dagegen wäre prinzipiell nichts einzuwenden, soweit es
konsequenter Ausdruck der Trennung von Kirche und Staat war und die DDR – mit
der französischen Republik vergleichbar – in dieser Hinsicht eine modernere
Gesellschaft als die alte und neue Bundesrepublik Deutschland war. Es hatte
jedoch besondere Folgen: Beispielsweise gerieten die evangelischen Kirchen in
Konflikt zur herrschenden Militärpraxis, die eine Kriegsdienstverweigerung aus
Gewissensgründen ausschloß, oder zur staatlichen atheistischen Erziehung, und
die Jüdischen Gemeinden unterließen es, sich zur israelfeindlichen Politik zu
äußern. Ja, die jüdischen Gemeinden erfuhren sogar proportional eine wesentlich
stärkere Förderung als andere Religionsgemeinschaften – ohne erhebliche
materielle Zuschüsse hätte beispielsweise die Synagoge in Berlin nicht
restauriert und funktionsfähig gemacht werden können, hätte die koschere
Fleischerei in der Eberswalder Straße, für die der Schacher wöchentlich aus
Budapest eingeflogen wurde (und zu deren Stammkundschaft die Köche der
arabischen Botschaften gehörten) nicht arbeiten können. Das war allerdings
nicht in allen Phasen der DDR-Entwicklung so. Julius H. Schoeps faßt
verschiedene Berichte und Untersuchungen darüber zusammen: “Bis zur Zeit
des mit Todesurteilen und Hinrichtungen endenden Slánskyprozesses 1952 in der
CSSR herrschte in der DDR eine durchaus freundschaftliche Atmosphäre zwischen
den Jüdischen Gemeinden und den führenden Repräsentanten von Partei und Staat.
Durch den Slánskyprozeß und die antisemitischen Vorfälle in der Sowjetunion im
Zusammenhang mit einem angeblichen Mordkomplott jüdischer Ärzte gegen Josef
Stalin wuchs jedoch 1952/53 auch in der DDR das Mißtrauen gegenüber
Juden.” An diese Zeit habe ich einige Erinnerungen. Wir – meine Mutter,
mein Bruder und ich – lebten damals in einer gemeinsamen Wohnung mit Trautl
Feigl, die in den dreißiger Jahren jenen Feigl geheiratet hatte, der im
Außenministerium als Staatssekretär arbeitete und im Slánsky-Prozeß zu
lebenslanger Haft verurteilt wurde. Sie war über Prag nach Paris und London
(Feigl dagegen nach Palästina) emigriert. Bei ihr trafen sich regelmäßig
Reemigranten und sprachen natürlich – auch in meiner Gegenwart, vielleicht
nahmen sie an, der Dreizehnjährige würde nicht verstehen, worüber gesprochen
wurde, vielleicht wollten sie auch, daß die nächste Generation mehr erfährt als
die begrenzte Schulweisheit vorsah – über den Prozeß und die dabei
dominierenden Vorwürfe gegen die “zionistischen Agenten des
Imperialismus”. Später schenkte sie mir aus ihrer Bibliothek sowohl das in
Prag deutsch erschiene Protokoll des Slánsky-prozesses als auch, quasi als
Beigabe, die Broschüre von Hermann Matern, Mitglied des Politbüros der SED,
über “Die Lehren aus dem Slánsky-Prozeß”. Später erfuhr ich mehr über
die Hintergründe aus dem Buch Arthur Londons “Das Geständnis”, das
mir französische Freunde in der französischen Fassung in die DDR
einschmuggelten. Schoeps fährt fort:”… der Staatssicherheitsdienst
durchsuchte zahlreiche Gemeindebüros und die Privatwohnungen von Menschen, die
allein auf Grund ihres jüdischen Glaubens als “verdächtig” galten.
Jüdische Parteimitglieder wurden von ihren Aufgaben relegiert, aber auch
Personen, die den Gemeinden nicht nahestanden und schon vor 1933 Mitglied der
KPD gewesen waren, wurden aufgrund ihrer jüdischen Herkunft von hohen
Positionen in Partei und Staat ausgeschlossen, wie beispielsweise der
Gesellschaftswissenschaftler Jürgen Kuczynski, den man seines Amtes als
Präsident der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft enthob. Diese
Repressalien führten zur Flucht vieler führender Gemeindemitglieder und ganzer
Jüdischer Gemeinden aus der DDR in den Westen. Der Schock für die damals in der
DDR lebenden Juden war beträchtlich, schien es doch nun, als hätte sich
grundsätzlich nichts geändert, als sei die über Jahre beschworene Freundschaft
zwischen dem Staat DDR und seinen jüdischen Bürgern nichts als eine
vorgeschobene taktische Behauptung und der überwunden geglaubte Antisemitismus
in der DDR nach wie vor existent.”E;mso-fareast-languageE;mso-bidi-language:AR-SA”>[12]

Nach Stalins Tod 1953 und dem XX. Parteitag der KPdSU 1956  “normalisierte” sich jedoch das
Verhältnis zwischen der DDR und den verbliebenen Juden zunehmend. Die Gemeinden
waren wieder willkommenes Aushängeschild für die demokratische und
humanistische Grundhaltung der DDR, und mehr noch für ihren antifaschistischen
Charakter, der während der gesamten DDR-Geschichte den Legitimationsboden für
diesen zweiten deutschen Staat bot. Und innerhalb der DDR-Ideologie nahmen die
Jüdischen Gemeinden ansonsten den Platz ein, den alle anerkannten
Religionsgemeinschaften einnahmen: Sie hatten ihren Platz als
Übergangserscheinung, solange sich auch die sozialistische Gesellschaft
transitorisch, als Übergang zur klassenlosen, kommunistische Gesellschaft
verstand – dann würden sie mit dem Verschwinden der Religion sich selbst
auflösen.

Und die nichtreligiösen Juden? Obwohl viele von ihnen 1952/53 und
gelegentlich auch später vom herrschenden Mißtrauen betroffen warenE;mso-fareast-languageE;mso-bidi-language:AR-SA”>[13]
– der auch mit den Herrschaftsinteressen der mit Ulbricht aus der Sowjetunion
zurückkehrten Emigranten zu tun hatte, die potentielle Konkurrenten aus der
“Westemigration” auszuschalten bestrebt waren – spielten sie in
wesentlichen Bereichen der Gesellschaft eine erhebliche Rolle. Doch das ist das
Paradoxe, das vielleicht durch die vorangegangenen Exkurse in die Ideologie, in
die Zukunftserwartungen und damit auch in die Motivationen etwas verständlicher
geworden ist: Obwohl bei vielen ohne Zweifel die jüdische Identität, wenn auch
in der Form des Bruchs, am Anfang des kommunistischen Weges stand, obwohl sie
als Kommunisten und als Juden verfolgt worden waren und gekämpft hatten,
war diese jüdische Identität von ihnen selbst so gründlich verdrängt oder
verleugnet worden, daß sie sich mit dem gesellschaftlichen Blick
identifizierten, für den es Jüdisches außerhalb des Religiösen nicht gab. Dabei
spielten sie in der DDR, im Unterschied zum westlichen Teil Deutschlands, im
Verhältnis zu ihrem Anteil in der Bevölkerung eine ungleiche größere Rolle.E;mso-fareast-languageE;mso-bidi-language:AR-SA”>[14]

In einer Broschüre vom Ende der sechziger Jahre, die die antifaschistische
Basis der DDR in Form von 95 Kurzbiographien belegen sollte, erkenne ich 17
“jüdische Herkünfte”, ohne daß auch nur bei einem darauf hingewiesen
wird.E;mso-fareast-languageE;mso-bidi-language:AR-SA”>[15]
Ja, im Gegenteil, gerade im Nichterwähnen sah die offizielle Lehrmeinung einen
Beweis für den nichtvorhandenen Antisemitismus. Gegen Ende der DDR erzählte der
Schriftsteller Stefan Hermlin in einem Artikel in der Zeitung der
Jugendorganisation FDJ, “Junge Welt”, die damals eine millionenstarke
Auflage hatte, wie ihm ein Schriftstellerkollege in einem Streitgespräch als
Beweis für den in der DDR angeblich nicht vorhandenen Antisemitismus sagte:
“Sieh’ mal, mein Sohn weiß nicht einmal, was ein Jude ist.” Auch im
fünften Jahr nach dem Ende der DDR ist das Problematische dieser Tabuisierung
(und ihrer Folgen) noch Streitgegenstand. So schreibt der Karikaturist Harald Kretzschmar:
“Jude. Das Wort war suspekt geworden durch Nazigebrauch. Und ist es noch.
Beschmutzt. Spreche ich heute, ja heute noch, mit einem x-beliebigen Menschen
in Ost oder West und erwähne das Wort, so zuckt mein Gegenüber kaum merklich
zusammen. Jeder. Deutschland nach Auschwitz.”E;mso-fareast-languageE;mso-bidi-language:AR-SA”>[16]

Wollte ich polemisieren, würde ich sagen, durch Nazigebrauch ist das Wort
Deutscher mehr beschmutzt worden, gewiß in anderer Weise, und viele in der
Welt, selbst einige in Deutschland zucken ebenfalls bei seiner Erwähnung
vielleicht kaum merklich zusammen. Doch ich will nicht polemisieren, ich
zweifle nicht an der guten Absicht von Harald Kretzschmar, noch an der
weitgehenden Richtigkeit seiner Beschreibung. Doch liegt diese bleibende
“Beschmutzung”, die unvermeidlich vom Wort, vom sprachlichen Zeichen,
auf die so bezeichnete Person übergeht, nicht auch an der langanhaltenden
Tabuisierung, Verdrängung, nur verklemmten, fast heimlichen, schamhaften
Wahrnehmung des anderen in seinem Anderssein? Obwohl es nicht in seiner Absicht
liegt, beschreibt der Karikaturist auch diese Aspekte sehr treffend und er hat
dabei das Verdienst, besonders auf die nichtreligiösen Juden aufmerksam zu
machen: “Juden in der DDR waren in ihrer Aktivität un-überhörbar,
unübersehbar, unüberlesbar. Sie wurden als Genosse oder Kollege angeredet wie
du und ich. Als Deutsche unter Deutschen, selbstverständlich. Sie waren
geachtet, die Älteren geehrt.”

Juden waren also sehr gegenwärtig – nur nicht als Juden. Vielleicht
unterschieden sie sich nicht von anderen Genossen, Kollegen, Deutschen? Waren –
siehe Sartres Demokrat – nur Menschen? Nein, auch das nicht. H. Kretzschmar
fährt fort: “Ich habe sie mit besonderer Aufmerksamkeit wahrgenommen. Für
mich als Porträtzeichner waren sie auffällig. Weniger der Nase, nebbich, nein,
des Wesens wegen. Oder des Geweses, wie der Berliner zu sagen pflegt. Meist
waren sie agil, verrieten eine komplexere Sicht auf die Dinge des Lebens.
Genossen unter ihnen legten weniger teutonische Vasallentreue an den Tag, als
den kritischen Geist der Skepsis.” Auch hier hat der Zeichner gut
beobachtet, denke ich. Das kommunistische Engagement der Juden hatte eben –
sicher auch seines Ursprungs wegen – für sie häufiger eine existentielle
Dimension, es war meistens auch in einem weiteren Erfahrungshorizont begründet,
Gründe für Opportunismus, Anpassung, Karrieredenken, Zynismus waren bei ihnen
seltener bestimmend (das konnte man vor 1989 oft nur vermuten: ein großer
Vorteil der “Wende” war es, daß die wendigen Anpasser, denen es unter
jedem Regime nur um das private Eigeninteresse geht, als “Wendehälse”
plötzlich sichtbar wurden – nicht zu verwechseln mit wirklichem Umdenken, das gemeinhin
mehr Mühe kostet und häufig auch vor November 1989 einsetzte). Die größere
Konsequenz des Engagements heißt nicht, sie hätten nur gute Rollen gespielt. H.
Kretzschmar nennt viele Namen aus Wissenschaft, Kunst, Politik, Medien, er
spricht über Dissidenten (“Abweichler” in der DDR-Sprache) und
besonders Linientreue. Meiner Ansicht nach hat beides auch gleiche Ursprünge
und es war die durch Biographie und Charakter, Temperament etc. jeweils
verschiedene Weise, die “Sache”, die man als Alternative zu einer
Welt verschiedenster Diskriminierungen, sozialer und eben auch der der Rasse
gewählt hatte, ernst zu nehmen.

Ich gehe auf den Artikel von H. Kretzschmar, der “unser jüdisches
Erbe” betrachtet – das Possessivpronom bezeichnet dabei als Subjekt DDR-Bürger,
denen ihr Land auch heute nicht einfach nur und vor allem ein totalitärer
Unrechtsstaat gewesen ist – und die DDR gegen den Vorwurf verteidigt, sie sei
antisemitisch gewesen, “die SED-Diktatur” hätte “Juden
unterdrückt”, so ausführlich ein, weil dieser wohlwollende Blick von außen
so relevant ist für ein anderes Erbe, für das des (scheinbaren) völligen
Aufgehens der kommunistischen nichtreligiösen Juden in die DDR-Gesellschaft und
für dessen ausschließlich positive Bewertung. Er schreibt zum Beispiel:
“Die von außen und nun nachträglich geübte Schelte am DDR-Umgang mit dem
Thema reduziert sich leider auf den Aspekt des rein religiösen Lebens. Das
geschieht in seltsamer, beinahe heuchlerisch zu nennender Verkennung der
Emanzipierung von Menschen zu aufgeklärten Humanisten und Sozialisten. Ich habe
die Integration jüdischer Elemente in die deutsche Kultur immer als
imponierende geistige Steigerung empfunden. Und genau dies wurde bei allen
Tiefschlägen durch eine übermächtige Administration in dem verblichenen Land
weitergeübt. So wie die sozialistische Arbeiterbewegung die
Befreiungsbestrebungen dieser Menschengruppe aufnahm und ihre Geschicke einer
großen Reihe von Gründer- und Führerpersönlichkeiten dieser Herkunft
anvertraute, so entwickelt sich Geschichte auf anderer Ebene weiter. Heute und
hier.” Zuvor hatte H.K. bemerkt: “Intellektuelle, längst von ihren
religiösen Bindungen losgelöste jüdische Bürger, trugen auch in der DDR ihr
Judentum nicht auf einem Tablett vor sich her. Sie waren mit dem guten Vorsatz
nach Deutschland Ost gekommen, als Deutsche unter Deutschen, als Sozialisten
unter Sozialisten zu leben. Fanden sie ihr Glück? Das können sie nur selbst
beantworten. Warum fragt sie keiner?E;mso-fareast-languageE;mso-bidi-language:AR-SA”>[17]

 Viele haben in aufopferungsvoller
Arbeit ihren Idealen gelebt. Aber es gab genauso Enttäuschung, Anpassung,
Rebellion und Repression. Aber rassische Verfolgung? Undenkbar.” Es ist
(fast) wahr – rassische Verfolgung gab es in der DDR in offener, gar
offizieller Form, wie es sie in Polen, der Tschechoslowakei oder der Sowjetunion
gab, keine. Allerdings gab es Friedhofsschändungen und selbst Verwüstungen (der
Friedhof der Gemeinde Adass Isroel in Berlin zum Beispiel war nach dem Krieg
noch intakt, in den achtziger Jahren jedoch, vor seiner Wiederherstellung, nur
noch eine Mischung von Trümmerfeld und Müllplatz), und wie in der Bundeswehr
gab es auch in der “Nationalen Volksarmee” – solche betont männlichen
Einrichtungen sind offensichtlich ein besonders fruchtbares Milieu –
antisemitische “Vorkommnisse”, die jedoch sorgfältig vor der Öffentlichkeit
geheimgehalten wurden.E;mso-fareast-languageE;mso-bidi-language:AR-SA”>[18]

Und selbst innerhalb der SED gab es vor allem in den fünfziger Jahren
Beispiele. Harald Kretzschmar erwähnt selbst eins – allerdings in der Absicht,
das Gegenteil zu beweisen: “Der Parteiausschluß der Genossen Wieland
Herzfelde und John Heartfield 1951 bis 1956 war nicht rassistisch, vielmehr
politisch motiviert: Sie leisteten der Idiotenthese vom kosmopolitischen
Formalismus Widerstand.” War denn das Schimpfwort vom Kosmopolitismus
nicht vor allem eine verschämte – oder sollte man nicht besser sagen
unverschämte – Form von Antisemitismus? Wer waren denn die
“Kosmopoliten”? Und natürlich gab es auch für H. Kretzschmar keine
“Judenfrage”: “Nelken hatte eine geschliffen klare Haltung zur
‘Jüdischen Frage’. Ich war Zeuge, als er dem einflußreichen Dichter Sergej
Michalkow aus Moskau vorhielt, daß es im sowjetischen Paß die Bezeichnung
‘Nationalität: Jude’ gäbe. In Deutschland gebe es nur Deutsche, und das sei gut
so.” Das Problem für die sowjetischen Juden war meines Erachtens jedoch
nicht die Registrierung ihrer Nationalität in einem Vielvölkerstaat, wo jeder
Bürger eine Nationalität hatte (übrigens unterschied auch die DDR zwischen der
Staatsbürgerschaft “DDR” und der Nationalität: war letztere jedoch
nicht selbstverständlich “deutsch”, war man also nicht von deutschen
Eltern in Deutschland geboren, und gehörte man nicht zur anerkannten
Vorzeigeminderheit der Sorben, fragte man vergeblich nach Kriterien, die der
“Nationalität” zugrunde lagen), sondern das Fehlen eines eigenen
Territoriums und Diskriminierungen wie der Numerus clausus für Juden bei der
Zulassung zum Studium.

Für wen war es gut, daß es “in Deutschland nur Deutsche gebe”? H.
Kretzschmar unterstellt selbstverständlich, daß die “Lösung vom
Judentum” für die betroffenen Juden eine Emanzipierung und nichts als das
gewesen sei, obwohl er sich auch hier widerspricht, wenn er die erschütternde
Begebenheit erwähnt, daß Anna Seghers, u.a. durch ihren Roman “Das siebte
Kreuz” jedem DDR-Schulkind bekannt, Präsidentin des
Schriftstellerverbandes der DDR und hochgeehrt, ihre Tochter bat, den
Chanukka-Leuchter vom Schreibtisch zu entfernen, wenn Leute ihr Arbeitszimmer
besichtigen kamen.E;mso-fareast-languageE;mso-bidi-language:AR-SA”>[19]

Wie war es denn letztendlich mit der Liebe zwischen der DDR und den Juden,
den Juden und der DDR? Läßt sich in wenigen Worten so etwas wie eine Bilanz
ziehen? Bei aller anfänglichen, kurzen Euphorie: die DDR bzw. ihr Vorläufer SBZ
hatte sie nicht als Juden gerufen, sondern als Kommunisten, und hat sie
zu keiner Zeit als Juden geschätzt oder gar geliebt. Im Gegenteil, sie
brachte es fertig, die anfängliche Kategorie “Opfer des Faschismus”
in “Opfer des Faschismus” und “Kämpfer gegen den
Faschismus” zu differenzieren und letzteren (höhere)
“Ehrenpensionen” zuzubilligen, wobei bei einigen anderen
“Privilegien”, die die “Antifaschistischen Komitees”
verteilten – leichterer Zugang zu Wohnungen, Autos, Kuren,
Erholungsmöglichkeiten – auch innerhalb der Kämpfer selbst unterschieden wurde:
im allgemeinen waren die Funktionäre der Partei, des Staatsapparates, die
Nationalpreisträger und ähnliche wichtige “Persönlichkeiten”
“gleicher” als die einfachen “Kämpfer” der Basis. Und
selbst in der “Zentralen Leitung des Komitees der antifaschistischen
Widerstandskämpfer in der DDR” gab es niemanden, der für die besondere
Geschichte, die besonderen Interessen, die besonderen Probleme ehemaliger
sozialdemokratischer, bürgerlicher, konservativer, christlicher oder jüdischer
Widerstandskämpfer zuständig gewesen wäre, oder gar für ehemalige Deserteure,
Euthanasieopfer, Sinti und Roma, Homosexuelle… Die Einheitspartei mit
ihrer Einheit und Geschlossenheit reproduzierte sich auf allen Ebenen,
in allen Bereichen der Gesellschaft, und usurpierte auch die Vergangenheit. Die
späte Liebe zu den Jüdischen Gemeinden – besonders 1988 – wurde nicht nur von
“üblen Verleumdern und Feinden der DDR” mit dem Wunsch Erich
Honeckers in Verbindung gebracht, als Krönung seiner außenpolitischen Anerkennung
– nach seinem würdigen Empfang in Bonn 1987 – in den USA empfangen zu werden.

Und die Liebe auf Seiten der areligiösen, kommunistischen Juden? Sie hatten
meistens vor der Gründung der DDR die “Loslösung” vom Judentum, seine
mehr oder weniger schmerzhafte Verdrängung als Mitgift in den Ehebund mit der
kommunistischen Bewegung eingebracht, je nach Charakter und Biographie (was
sicher nicht ganz getrennt werden kann) stellten sie hohe Ansprüche an den
daraus hervorgegangenen Partner DDR, sahen ihn deshalb besonders kritisch, oder
waren besonders nachsichtig, verständnisvoll für seine Schwächen und Gebrechen,
litten unter diesen, fühlten sich schuldig, schämten sich oder waren trotz
seiner unübersehbaren Makel, die sie als vorübergehende banalisierten, stolz
auf ihn. In der Generation ihrer Kinder, die nicht so viele Opfer, und auch
entsprechend weniger hohe Erwartungen investiert hatten, kam häufig die
Ernüchterung und Enttäuschung schneller und gründlicher, und mitunter galt die
Treue oder Loyalität zur DDR mehr den Eltern als diesem Staat. So ist es nicht
erstaunlich, daß besonders seit der Mitte der achtziger Jahre bei der zweiten
Generation der Remigranten eine Hinwendung zum Judentum, seltener zur Religion,
häufiger zur Tradition, zur Geschichte, zur Kultur stattfand, die von der Frage
nach der eigenen Identität dominiert wurde. Sie erkannten, daß ihre Eltern sich
gezwungen gesehen hatten, zu unauthentischen Juden zu werden – um Sartres
Bestimmung aufzugreifen -, um authentische Kommunisten werden zu können, und
daß sie ihnen dadurch in diesem Punkt eine negative Erbschaft, eine Leere,
einen Mangel – gewissermaßen ein Ei ohne sein Gelbes – hinterlassen hatten.

Hatte dieses Opfer einen Sinn? Gern würde ich glauben, es sei nicht zuletzt
auch ihnen zu verdanken, daß eine in osteuropäischen Staaten und in beiden
deutschen Staaten 1990, noch vor der Vereinigung, vom Jüdischen Weltkongreß
initiierte soziologische Untersuchung zu Ergebnissen führte, die den
Auftraggeber – und nicht nur ihn – überraschte: die Prozentsätze
antisemitischer und auch israelfeindlicher Einstellungen lagen im Osten
Deutschlands deutlich unter denen Westdeutschlands, und zwar stärker bei den
jungen als bei den älteren Generationen. Und das am Ende einer totalitären
Diktatur, die eine gegen Israel geführte Außenpolitik betrieb! Ich erinnere
mich gut daran, wie meine fellows am Woodrow Wilson International Center
for Scholars in Washington D.C. im Herbst 1990 versuchten, sich diese für sie
äußerst verblüffenden Ergebnisse zu erklären. Einige wollten darin ein Ergebnis
der oppositionellen Haltung der Bevölkerung gegenüber der offiziellen Politik
sehen, andere stellten die Methode der Befragung in Frage. Allen fiel es
schwer, sich vorzustellen, daß die intensive, wenn auch oft formale, schematische,
zu allgemeine, ideologisierte und instrumentalisierte Erziehung zur
Völkerfreundschaft, zum Internationalismus, zur Solidarität, wie Schlüsselwerte
des DDR-Selbstverständnisses lauteten, auch eine positive Wirkung gehabt haben
konnte. Und daß bei allem “verordneten” Antifaschismus Literatur,
Filme, Schule und auch die persönliche Wirkung ehemaliger Widerstandskämpfer
einen Einfluß gehabt hatten, der sich in diesen Umfrageergebnissen
niederschlägt.

Und was wird aus dem Erbe, nachdem dieser schwierige Partner DDR
dahingeschieden ist? Es ist so widersprüchlich, wie dieser es selbst war. Die
tatsächliche Vereinigung von Ost und West kennt viele Hemmnisse, dauert länger,
als viele erwarteten. Doch scheint sie dort besonders gut zu verlaufen, wo man
es am wenigsten wünschen möchte: in den Kriminalitätsraten zum Beispiel hat der
Osten in fünf Jahren den Westen aufgeholt, und auch in der Fremdenfeindlichkeit
klappt der Anschluß gut, ja die Angriffe gegen Schwarze, gegen Vietnamesen
zeichnen sich im Osten oft durch besondere Brutalität aus (wobei, soweit noch
möglich, die passive oder gar Beifall bekundende Menge “normaler,
anständiger Bürger” noch erschütternder ist). Wie nicht anders zu
erwarten, geht diese dumpfe, fast immer stark alkoholisierte Gewalt mit
antisemitischen Äußerungen einher. Zur Erklärung mag man zurecht die radikale
Umbruchsituation, die sozialen und familiären Probleme, den Werte- und
Perspektivverlust und vieles mehr nennen, doch auch die Tiefen- und
Langzeitwirkung der DDR-Erziehung zur internationalen Solidarität ist durch
diese Entwicklung in Frage gestellt. Es erweist sich im Rückblick, daß die für
die DDR nicht untypische Ausländereuphorie – zu beobachten bei
“Weltfestspielen der Jugend und Studenten”, bei “Internationalen
Festivals des politischen Liedes”, bei auch spontaner, nicht “von
oben” organisierter Solidarität zum Beispiel mit Chilenen nach dem Putsch
gegen Allende im Herbst 1973 wohl teilweise aus dem gleichen Mangel gespeist
wurde, der heute bei manchen zur Gewalt führt: Es gab kein normales,
alltägliches Zusammenleben mit Ausländern, nur sehr begrenzte Erfahrungen im
Ausland, und natürlich auch keine Relativierung der eigenen Wertvorstellungen
durch anderer kulturelle Erfahrungen, sodaß die punktuellen
Begegnungsmöglichkeiten exotisch aufgewertet, ja kompensatorisch überbewertet
waren. Heute, da Konkurrenzkampf, drohender oder tatsächlicher Verlust des
Arbeitsplatzes, Verarmung, die sicher oft – angesichts des jetzt
allgegenwärtigen, jedoch unerreichbaren Reichtums – mehr empfunden als real
ist, schlägt die mangelnde Erfahrung in ihr Gegenteil um: was vor zehn Jahren
vor dem Hintergrund sozialer Sicherheit als exotischer Reiz wahrgenommen wurde,
wird heute als Bedrohung erlebt und erzeugt Angst, die sich in der Gewalt gegen
das Angsterzeugende, das mit der Ursache der Angst verwechselt wird, ihren
Ausweg sucht. Ich nehme an, die Kenntnis der konkreten Vorgeschichte zu Zeiten
der DDR vermag dabei zu helfen, solche Widersprüche und Umkehrungen besser zu
verstehen und entsprechend mit ihnen umzugehen. Und die globale Verteufelung
der DDR-Geschichte unter dem Motto “SED-Diktatur”, die Nivellierung
der Gegensätze, die in der DDR am Werke waren und mit zu ihrem Ende führten,
könnten sich gegen die Absichten der vorschnellen Interpreten kehren. Aus der
unheimlichen Liebe zwischen Juden und DDR gewänne der Antisemitismus neue
Nahrung – es genügt, die tatsächliche, im Verhältnis zu ihrer verschwindend
geringen Zahl starke Repräsentanz von Juden in verantwortlichen Stellungen der
DDR zu verallgemeinern, einseitig zu interpretieren und zu bewerten, indem man
das positive Vorzeichen, das die Beschreibung bei Harald Kretzschmar noch
hatte, umkehrt, und schon war die “SED-Diktatur” eine jüdische
Erfindung und die Nichtjuden ihr Opfer. Wie wenig eine derartige Tendenz aus
der Luft gegriffen ist (und mit dem alten antisemitischen Topos vom
Judeo-Bolschewismus zusammenfließen kann), zeigen neuere Veröffentlichungen und
ihr möglicher Gebrauch.E;mso-fareast-languageE;mso-bidi-language:AR-SA”>[20]

Möge eine gerechte, differenzierte Bewertung der Geschichte auch im Hinblick
auf die “unheimliche Liebe” zwischen Juden und der DDR einen
derartigen Mißbrauch verhindern helfen.

Friedrich-Ebert-Stiftung,
digitale Bibliothek, März 2003; http://library.fes.de/fulltext/asfo/01023004.htm



E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[1]
Helmut
Eschwege: Die jüdische Bevölkerung der Jahre nach der Kapitulation
Hitlerdeutschlands auf dem Gebiet der DDR bis zum Jahre 1953, in: Siegfried
Theodor Arndt, Helmut Eschwege, Peter Honigmann, Lothar Mertens: Juden in der
DDR – Geschichte – Probleme – Perspektiven. Arbeitsmaterialien zur
Geistesgeschichte, hrsg. von Julius H. Schoeps, Bd. 4, in Kommission bei E.J.
Brill, 1988, S. 69.

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[4]
Während
die Zahl der eingetragenen Mitglieder der Jüdischen Gemeinden in der DDR 1990
keine 500 betrug, waren etwa 4.000 von den Nazis als Juden oder deren
Angehörige Verfolgte als “Opfer des Faschismus” anerkannt.
Siehe dazu Y. Michal Bodemann, A
Reemergence of German Jewry? in: Reemerging Jewish Culture in Germany: Life and
Literature Since 1989, ed. by Sander L. Gilman and Karen Remmler, New York University
Press, New York and London, 1994, S. 49.
Zu den wenigen Ausnahmen gehört
auch Robin Ostow mit ihrem Buch “Jüdisches Leben in der DDR”,
Jüdischer Verlag Athenäum, Frankfurt/Main, 1988 und ihrem Aufsatz “Das
Erbe des Holocaust im antifaschistischen Deutschland” in: Werner Bergmann,
Rainer Erb (Hrsg.): Antisemitismus in der politischen Kultur nach 1945,
Westdeutscher Verlag, Opladen 1990. Auch Julius H. Schoeps macht darauf
aufmerksam: “Die Haltung jüdischer Bürger gegenüber der DDR war nicht nur
individuell sehr unterschiedlich, zu differenzieren ist darüber hinaus zwischen
der Haltung derjenigen, die Mitglied in einer der acht Gemeinden waren, und der
wesentlich größeren Anzahl derer, die zwar ‘jüdischer Herkunft’ sind, sich aber
nicht mehr zur jüdischen Religionsgemeinschaft bekannten. Dieser Personenkreis
dürfte mindestens zehnmal größer gewesen sein als die Zahl der Gläubigen; in
Ost-Berlin standen beispielsweise den rund 180 Gemeindemitgliedern etwa 3.900
Personen gegenüber, die als Verfolgte des Naziregimes staatlich anerkannt
waren.” Siehe: Jüdisches Leben in Nachkriegsdeutschland – Von den Jahren
des Aufbaus bis zum Ende der Teilung, in: Jüdische Lebenswelten – Essays, Hrsg.
von A. Nachama, J.H. Schoeps, E. v. Voolen: Berliner Festspiele/Jüdischer
Verlag/Suhrkamp Verlag, 1991, S. 374 – Die Bibliographie des genannten
Aufsatzes enthält einige weitere Angaben über Autoren, die das Thema berühren.

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[5]
Auch
in “westlicher” Literatur war die Einschränkung auf die Gemeinden
lange üblich – vgl. z.B. noch das Vorwort von Julius Schoeps zu dem bereits
zitierten Band von Siegfried Theodor Arndt u.a. In welchem Maß meine Geschichte
für die vieler anderer typisch ist, mag dagegen ein wenig der Band mit acht
Interviews erhellen, den ich unter dem Titel Zwischen Thora und Trabant – Juden
in der DDR, Reihe Texte zur Zeit, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1993
veröffentlicht habe.

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[6]
Diesen
nicht zuletzt durch diese “Lösungen”, vor allem die
“Endlösung” belasteten Begriff möchten einige aus guten und
verständlichen Gründen ersetzen, z.B. durch “jüdische Frage” (andere
Sprachen haben das Glück, nur diese Adjektivform zu kennen). Ich folge ihnen
aus mehreren Gründen nicht, darunter folgenden: anders als z.B. die
“deutsche Frage” (die keine Deutschenfrage ist) war und ist die uns
interessierende keine primär jüdische, ja nicht einmal eine Frage der Juden,
sondern eine, bei der sie vor allem Gegenstand sind, wo vor allem die
Nichtjuden sich die “Frage” stellen – analog der Arbeiter- oder
Frauenfrage (das ließe sich heute durch Ausländerfrage etc. verlängern).
Arbeiter und Frauen und Ausländer verstehen sich nicht als Objekt einer Frage,
sondern wissen die Antwort, auch wenn sie viele, sogar konträre und
unvereinbare Formen annehmen kann: sie fordern ihre Emanzipation, das heißt sie
wollen als Gleichberechtigte und Geachtete in der Kollektivität leben, deren
Gesetze sie wie jedes andere ihrer Mitglieder zu achten bereit sind, ohne
Diskriminierung des Geschlechts, der Rasse, der Religion, der Weltanschauung,
und sie wollen in einer gerechten Weise entsprechend der Leistung für diese
Kollektivität an ihrem Reichtum teilhaben. Das besondere der
“Judenfrage” ist mit ihrer Entstehung zur Zeit der bürgerlichen
Revolutionen und der Herausbildung von Nationalstaaten verbunden, als die
verschiedenen Gruppen von Bürgern nicht mehr wie in der feudalen Gesellschaft
durch ihre Standeszugehörigkeit und ihre Religion einen festen (ungleichen, mit
vielen Diskriminierungen verbundenen) Platz in der Gesellschaft zugewiesen
bekamen, sondern sich als Staatsbürger (citoyen), vor dem Gesetz gleich, nur
noch durch Besitz und Verdienst unterschieden und sachliche – vor allem über
Geld vermittelte – Abhängigkeiten an die Stelle der feudalen persönlichen
Abhängigkeit trat. Für die Juden lag hierin einerseits eine große
Emanzipationsmöglichkeit, die Voraussetzung war, zur Entwicklung der
Gesellschaften, in denen sie lebten, beizutragen, andererseits fanden sie sich,
sofern sie nicht darauf verzichteten, sich als ein Volk mit eigener Religion,
Kultur, Sprache, Geschichte zu verstehen, als “Gast” ohne eigenen
Nationalstaat in fremden Nationalstaaten wieder. Besonders in Krisenzeiten und
in Gesellschaften, die den Übergang zur Moderne nicht oder nur halbherzig
vollzogen hatten (z.B. in Osteuropa) waren sie dann der unwillkommene Gast, der
als Fremdkörper willkommene Sündenbock, das vormoderne Skandalon innerhalb der
Moderne. Mit diesem “modernen” Konflikt entstand die
“Judenfrage” und der “moderne”, nicht religiös motivierte
Antisemitismus, der den vormodernen nicht ausschließt und mit ihm vielfältige
Verbindung eingehen kann

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[7]
Vgl.
dazu Enzo Traverso: Les juifs et l’Allemagne – de la “symbiose
judéo-allemande” á la mémoire d’Auschwitz, Editions la Dicouverte, Paris
1992.

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[8]
Auch
wenn viele den jüdischen Teil ihrer Persönlichkeit verdrängten, schon deshalb,
weil sie die versprochene historische Perspektive für sich mit ihrem Eintritt
in die kommunistische Bewegung innerhalb dieser für verwirklicht hielten – in
den erwähnten Biographien im Band “Zwischen Thora und Trabant” wird
beides deutlich, dieser Zusammenhang und seine Verdrängung.

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[9]
Vgl.
dazu u.a. Robert Misrahi: Marx et la question juive, Gallimard, Paris 1972 und
Edmund Silberner: Kommunisten zur Judenfrage. Zur Geschichte von Theorie und
Praxis des Kommunismus, Westdeutscher Verlag, Opladen 1983.

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[11]
Jean-Paul
Sartre: Überlegungen zur Judenfrage, herausgegeben und aus dem Französischen
übersetzt von Vincent von Wroblewsky: Gesammelte Werke in Einzelausgaben –
Politische Schriften, Bd. 2, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1994, S.
36/37.

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[12]
Julius
H. Schoeps: Jüdisches Leben in Nachkriegsdeutschland…, S. 373/374.

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[13]
Bei
meinen acht Interview in “Zwischen Thora und Trabant” war ich
überrascht zu entdecken, daß mindestens die Hälfte der Interviewten bzw. ihre
Eltern entsprechende Erfahrungen gemacht hatten – bei der Auswahl der
Interviewpartner hatte dieser Aspekt keine Rolle gespielt .

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[14]
Vgl.
dazu Julius H. Schoeps im o.g. Artikel, S. 352: “Die meisten der
politischen Remigranten nach 1945 waren Kommunisten, die sich deshalb auch
dafür entschieden, in die Sowjetische Besatzungszone beziehungsweise in die
Deutsche Demokratische Republik zu gehen. Zu ihnen gehörten der Schriftsteller
Stefan Heym und der Literaturhistoriker Hans Mayer 1945, der spätere
Kulturminister der DDR Alexander Abusch, die späteren Mitglieder des
Zentralkomitees der SED Gerhard Eisler und Albert Norden sowie der
Literaturhistoriker Alfred Kantorowicz 1945, die Schriftstellerin Anna Seghers
1947, der Komponist Hanns Eisler und der Schriftsteller Arnold Zweig 1948, der
Philosoph Ernst Bloch 1949 und der Karikaturist John Heartfield 1950. Viele von
ihnen haben beim Aufbau der DDR eine wichtige Rolle gespielt.” Schoeps
verweist in diesem Zusammenhang auf den Aufsatz von Monika Richarz: “Juden
in der Bundesrepublik Deutschland und in der Deutschen Demokratischen
Republik”, in: Jüdisches Leben in Deutschland nach 1945, Hg. von Micha
Brumlik et al.: Frankfurt am Main 1986. Siehe ferner Schoeps: S. 365 und S.
370, wo es heißt: “Im Nachkriegsdeutschland haben Juden beim Aufbau der
demokratischen Ordnung nur vereinzelt eine Rolle gespielt. In der Politik waren
Frauen und Männer jüdischer Herkunft wie Jeannette Wolff, Herbert Weichmann,
Josef Neuberger, Jakob Altmaier, Peter Blachstein oder Paul Hertz
Ausnahmen.” (Muß man darauf aufmerksam machen, daß in der im Westen
üblichen Weise hier Westdeutschland mit Deutschland schlechthin identifiziert
wird?)

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[15]
Antifaschisten
in führenden Positionen der DDR, Verlag Zeit im Bild, Dresden

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[16]
Harald
Kretzschmar: Ach ja: Unser jüdisches Erbe, in Neues Deutschland, 7./8. Januar
1995, S. 16.

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[17]
Das
stimmt inzwischen nicht mehr ganz: Neben den erwähnten Interviews von Robin
Ostow und von mir veröffentlichte auch Wolfgang Herzberg Anfang der neunziger
Jahre einen dicken Band Interviews mit DDR-Juden beim Aufbau-Verlag Berlin.

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[18]
Ein
eindringliches Beispiel berichtet Peter Fischer in dem Band “Zwischen
Thora und Trabant”.

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[19]
In
einer schönen Erwiderung im “Monatsblatt des Jüdischen Kulturverein
Berlin”, “Jüdische Korrespondenz Nr. 2, Februar 1995, S. 1 hat Irene
Runge auf die besondere Tragik hingewiesen, die in dieser “Loslösung vom
Judentum” und in den entsprechenden Verdrängungen lag, und betont:
“Ein säkular-kulturelles Judentum hatte keine Chance. Das Jüdische wurde
auch zur Folklore, an der die Juden kaum mehr beteiligt waren.” Letzteres
konstatiert auch Y. Michal Bodemann in “A Reemergence of German Jewry”,
a.a.O.

E;mso-fareast-language:EN-US;
mso-bidi-language:AR-SA”>[20]
Vgl.
dazu als bisheriger Höhepunkt das Buch von John Sack: An Eye For an Eye. The
Untold Story of Jewish Revenge Against Germans in 1945. Basic Books, New York
1993, 252 S., das jetzt deutsch unter dem Titel “Auge um Auge. Opfer des
Holocaust als Täter. Eine Parabel über die Gewalt” bei Piper in München
erscheint. Siehe dazu die Besprechung von Eike Geisel: Die neuen “Opfer
der Opfer” in: Konkret, Heft 2, Februar 1995, S. 18-21, in der er u.a. die
Gemeinsamkeit mit der These Ernst Noltes zeigt, der gesagt hatte: “Der
rationale Kern des NS-Antisemitismus liegt in der inneren Affinität des
‘Judentums’ zu den bolschewistischen Ideen.” Zum Verständnis der
tatsächlichen heutigen Dimension von Gewalt und ihre Ursachen trägt dagegen
meiner Ansicht nach in bemerkenswerter Weise Gunnar Heinsohn mit “Warum Auschwitz?
Hitlers Plan und die Ratlosigkeit der Nachwelt, rororo Aktuell 13626, Reinbek
bei Hamburg 1995, 217 S. bei. Vgl. die Besprechung von Sylke Tempel “Auf
der Suche nach Erklärungen für das Ungeheuerliche” in Der Tagesspiegel vom
23.1.1995, in der sie hervorhebt, daß Heinsohns Theorie lautet, mit den Juden
wollte Hitler die Ethik des Judentums beseitigen, deren Kerngedanke der Schutz
des Lebens ist, denn mit der Beseitigung der Juden, der “Erfinder des
Gewissens”, wollte Hitler das Recht auf Völkermord wiederherstellen. Sie
kommt zu dem Schluß, dieses Buch könnte und sollte eine Debatte provozieren,
die sich weit über das Niveau des Historikerstreits – in dem Nolte einer der
Hauptprotagonisten ist – heraushebt. Diese Debatte sollte die Frage
einschließen, ob Hitlers weitgehender Teilerfolg nicht mit der heutigen Gewalt
etwas zu tun hat.

Antisemitismus und Antizionismus in der österreichischen Linken

“Bestien in Menschengestalt”
Antisemitismus und Antizionismus in der österreichischen Linken
von Stephan Grigat
(Weg und Ziel, 2/1998)
Wer wissen wollte, ob an der Behauptung vom linken Antisemitismus etwas dran ist, konnte seit
Jahren auf eine immer umfangreicher werdende Literatur zurückgreifen. Zum Antisemitismus bei
den Frühsozialisten, in der europäischen Arbeiterbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts und zum
Verhältnis der marxistischen Klassiker zum Judentum liegen mittlerweile zahlreiche Studien vor.
Zum Antisemitismus in den Staaten des Realsozialismus ist ebenso geforscht worden wie zum
antisemitisch aufgeladenen Antizionismus der Neuen Linken in den meisten westeuropäischen
Ländern. Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der österreichischen Linken nach 1945
befindet sich hingegen erst am Anfang.
Klassisches und Historisches
Auch wenn die überwiegende Mehrheit der Linken schon immer zu den entschiedensten Gegnern
des Antisemitismus gehörte, läßt sich eine Tradition des linken Antisemitismus bis zum
Frühsozialismus zurückverfolgen. Von Blanqui bis Fourrier, von Saint-Simon über Proudhon bis
Bakunin kann von der Verharmlosung antisemitischer Ressentiments bis zu offen rassistischantisemitischen
Argumentationen alles nachgeweisen werden.1 Marx und Engels waren zwar
keineswegs wüste Antisemiten, wie in den einflußreichen Arbeiten Edmund Silberners mehrfach
behauptet wird,2 aber sowohl in den Marxschen Frühschriften als auch in zahlreichen Briefen von
Marx und Engels finden sich Formulierungen und Argumentationen, die ein verzerrtes Bild vom
Judentum zeichnen und auf antisemitische Klischees zurückgreifen. Die Interpretation des von
Marx 1844 veröffentlichten Textes “Zur Judenfrage” “as a call to eliminate Jews”3 beruht zwar auf
einem Mißverständnis der Marxschen Argumentation. Der Text lädt zu solchen Mißverständnissen
aber geradezu ein. Die frühe Kapitalismuskritik von Marx hat noch nicht jene Begriffsschärfe
entwickelt, wie wir sie aus der Marxschen Werttheorie kennen, und die nötig ist, um das
Umschlagen einer Ökonomiekritik in ein verfolgendes Ressentiment zu verunmöglichen oder
entscheidend zu erschweren.4
In der europäischen Arbeiterbewegung — insbesondere in der deutschen — ist Antisemitismus
immer wieder geleugnet, verharmlost oder entschuldigt worden. In den schlimmsten Fällen wurde
er — legitimiert als konsequenter Antikapitalismus — offen propagiert. Ruth Fischer, ZK-Mitglied
der deutschen KP, forderte 1923 in einer Rede: “Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die
Laterne, zertrampelt sie!”5
Als radikalste Form eines linken Antisemitismus können die stalinistischen Kampagnen gegen
Zionismus und Kosmopolitismus gelten.6 Die von Lenin geführte Oktoberrevolution hat den
russischen Juden — trotz struktureller Ähnlichkeiten der Leninschen Imperialismuskritik zum
Antisemitismus7 — zunächst zahlreiche Vorteile im Vergleich zur Zarenzeit gebracht. Mit Stalin
kam jedoch ein Mann an die Macht, der bereits im Kampf um Lenins Nachfolge Antisemitismus als
Mittel einsetzte. Für die spätere Entwicklung ist anzunehmen, daß Stalin sich von einem taktischen
zu einem überzeugten Antisemiten gewandelt hat, der am Ende seines Lebens eine gewaltsame
Umsiedlung der sowjetischen Juden in Erwägung zog. Nach dem Zweiten Weltkrieg unterstützte
die Sowjetunion für kurze Zeit das Projekt der israelischen Staatsgründung. Spätestens Ende der
vierziger Jahre wurde der Antizionismus jedoch zur offiziellen Staatsdoktrin — und zu einem
Element staatlicher Ideologie und Praxis, bei dem die Regierungen der SU, Polens oder auch der
DDR auf die Gefolgschaft ihres Staatsvolks rechnen konnten, wie sonst bei kaum einem anderen
Thema.
Während es bei Lenins Antizionismus, “in der Welt vor Auschwitz, als die Begriffe noch
stimmten”,8 hauptsächlich um organisationspolitische Fragen ging und der Zionismus als ein
Nationalismus neben vielen anderen abgelehnt wurde, bekämpfte der Antizionismus nach dem
Zweiten Weltkrieg den Zionismus als eine besondere Form des Nationalismus, die prinzipiell
illegitim sei und alle anderen Nationen bedrohe. In Osteuropa wurde diese Transformation durch
die stalinistischen Führungen vollzogen und auch nach der Entstalinisierung beibehalten. In
Westeuropa war der Antizionismus nach 1945 lange eine Domäne der äußeren Rechten. Mit
Ausnahme der dogmatischen, an der SU orientierten kommunistischen Parteien war die Linke
Westeuropas — insbesondere in der BRD — bis 1967 ausgesprochen positiv gegenüber Israel
eingestellt. Nach dem Sechs-Tage-Krieg änderte sich das schlagartig. Zum einen setzte eine linke
Kritik an der israelischen Regierungspolitk ein, die sich zu recht gegen den von konservativer Seite
sofort erhobenen pauschalisierenden Antisemitismus-Vorwurf zur Wehr setzte. Zum anderen
beginnt in dieser Zeit eine antizionistische Agitation, die eindeutige Affinitäten zum
Antisemitismus aufweist, und die bald fast in der gesamten Linken hegemonial werden sollte. Am
deutlichsten zeigte und zeigt sich das in der BRD.9 In der westdeutschen Linken lassen sich von der
linken Sozialdemokratie, den Grünen und Alternativen, feministischen Gruppierungen, K-Gruppen,
Autonomen und Antiimperialisten bis zu den bewaffneten Gruppen Äußerungen und Aktionen
finden, die jede Differenzierung zwischen Antizionismus und Antisemitismus überflüssig
erscheinen lassen. Klassische Beispiele dafür sind der Anschlag der “Tupamaros Westberlin”, einer
Vorläufergruppe der “Bewegung 2. Juni”, auf das jüdische Gemeindehaus in Westberlin 1969, die
Lobeshymnen der RAF und anderer linker Gruppen anläßlich der Ermordung israelischer Sportler
1972 in München, die vor Synagogen durchgeführten Demonstrationen gegen den Krieg Israels im
Libanon in den achtziger Jahren, die Wandparole aus der Hamburger Hafenstraße “Boykottiert
,Israel‘! Waren, Kibbuzim und Strände/ Palästina — das Volk wird dich befreien/ Revolution bis
zum Sieg”, in der zentrale Elemente des linken Antizionismus von der Delegitimierung Israels über
die Ignoranz gegenüber der nationalsozialistischen Judenverfolgung bis zur Begeisterung für Volk
und Lebensraum enthalten sind, oder jener legendäre “Grüne Kalender”, in dem gleich Klartext
gesprochen wurde, und die Herausgeber des Kalenders die Leser aufforderten, nicht bei Juden zu
kaufen. In Österreich findet sich Ähnliches, wenn auch in abgeschwächter Form.
Rote gegen Rothschild
Der Antisemitismus in der österreischischen Arbeiterbewegung der Ersten Rebublik ist im
Gegensatz zu der Zeit nach 1945 relativ gut erforscht.10 Der Vorwurf, eine Partei fungiere als
“Judenschutztruppe”, war in der Zwischenkriegszeit Allgemeingut und wurde von allen politischen
Lagern gegen die jeweiligen Konkurrenten erhoben. Als spezifische Form eines
sozialdemokratischen oder linken Antisemitismus kann hingegen die Agitation gegen den “reichen
Juden”, gegen die “jüdische Großbourgeoisie” und den “jüdischen Kapitalismus” gelten. In der
österreichischen Arbeiterbewegung der Ersten Republik war man stets bemüht, den Antisemitismus
der Massen zu bedienen, was sich unter anderem darin äußerte, daß die Personifikationen des
K
apitals auf den Plakaten der Wiener Sozialdemokratie nicht selten eine Physiognomie aufwiesen,
die Antisemiten für Juden reserviert haben. Daß die Rothschilds im Zentrum der Kritik der
Sozialdemokraten standen hatte nicht nur mit dem realen Einfluß der Bankiersfamilie zu tun,
sondern paßte auch hervorragend zu den strukturell antisemitischen Prämissen der grundsätzlichen
Kapitalismuskritik in der Arbeiterbewegung. Nicht ganz zufällig konnte sich der radikale Antisemit
Georg von Schönerer, der sich über Jahre mit demagogischen Angriffen gegen die Rotschilds
hervortat, gewisser Sympathien bei Teilen der Sozialdemokratie erfreuen.11
Die Agitation der Sozialdemokraten beschränkte sich aber keineswegs darauf, gegen die “jüdischen
Kapitalisten” zu wettern. Es gab ebenso massive Angriffe gegen das orthodoxe Judentum und gegen
die mehrheitlich zu den unterprivilegiertesten Schichten gehörenden Juden aus Osteuropa.12
Die KPÖ bzw. KPDÖ der Zwischenkriegszeit unterschied sich nicht maßgeblich von den
Sozialdemokraten. Die Vorstellung, “daß die Kommunisten die einzige Partei in Österreich blieben,
in der es niemals den kleinsten Anflug von Antisemitismus gegeben hat”, und daß die KPÖ
gegenüber “jeder, auch nur der kleinsten antisemitischen Anwandlung”13 immun gewesen sei,
blamiert sich bereits daran, daß die KPÖ in ihrer Propaganda gegen den Nationalsozialismus zwar
durchaus auf die Unsinnigkeit der Unterscheidung von schaffendem und raffendem Kapital
hingewiesen hat, aber zugleich versuchte, tiefsitzende Ressentiments zu bedienen, indem den Nazis
vorgeworfen wurde, sie würden den Kampf gegen das “jüdische Kapital” nicht ernsthaft genug
führen.14
KPÖ gegen DPs
Die KPÖ war eine der wichtigsten antifaschistischen Kräfte in Österreich. Die Annahme, daß sie
dadurch automatisch frei war von Antisemitismus, stimmt jedoch keineswegs. Auch wenn der
Antisemitismus in allen anderen österreichischen Parteien bedeutend stärker verbreitet war, agierten
bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit auch KPÖ-Funktionäre in einer Art und Weise, die
Antisemitismus ignorierte, antisemitische Ressentiments in der österreichischen Bevölkerung
forcierte und zum Teil selbst als antisemitisch bezeichnet werden muß.
1947 kam es in Bad Ischl wegen einer Streichung der Milchration für Kinder zu einer
Demonstration, die sich nicht in erster Linie gegen die für diese Maßnahme Verantwortlichen
richtete, sondern gegen die in der Stadt untergebrachten “Displaced Persons”. Im Verlauf der
Demonstration zog eine unter anderem von KP-Funktionären aufgepeitschte Menge zur
Unterbringung jüdischer DPs und skandierte dort nach Augenzeugenberichten Parolen wie “Schlagt
die Juden tot!”15 Wenige Tage danach wurden sechs Personen verhaftet und im darauf folgenden
Prozeß zu extrem hohen Strafen verurteilt, die später deutlich herabgesetzt wurden. Während der
Unterstützungskampagne für die Verhafteten bestärkte die KPÖ das ohnehin in der Bevölkerung
vorhandene Bild von den DPs — allen voran den jüdischen — als “Schleichhändler”, deren
Vergehen nicht geahndet, sondern im Gegenteil mit zusätzlichen Privilegien belohnt würden.
Obwohl die jüdischen DPs nicht mit österreichischen Steuergeldern finanziert wurden, stellte die
“Volksstimme” Berechnungen an, die den Österreichern aus der Nazi-Zeit durchaus bekannt
vorgekommen sein müssen: “600.000 DP kosten uns über 100 Millionen Schilling”, “460
Tageskalorien des Arbeiters essen die DP.”16
Auf Grund ihres engen Verhältnisses zur KPdSU begriff es die KPÖ in den fünfziger Jahren
offenbar als ihre Pflicht, der antizionistischen Propaganda in der Sowjetunion und in den anderen
Ostblockstaaten zu bescheinigen, daß sie absolut nichts mit Antisemitismus zu tun habe. Das ging
soweit, daß selbst noch die antisemitischen Schauprozesse in den fünfziger Jahren legitimiert
wurden. In der “Volksstimme” und in “Weg und Ziel” wurde das Vorgehen im Slansky-Prozeß in
der Tschechoslowakei verteidigt,17 bei dem elf der vierzehn Angeklagten, denen vom deklarierten
Antisemiten Major Smola eine “trotzkistisch-zionistisch-titoistische Verschwörung” vorgeworfen
wurde,18 Juden waren. Auch der sogenannte Ärztekomplott-Prozeß in der Sowjetunion, in dem
sechs Juden und drei weitere Angeklagte als “Agenten des Zionismus” wegen angeblicher Morde an
hohen Staats- und Parteifunktionären und wegen unterstellter Mordpläne gegen Stalin vor Gericht
standen, wurde gerechtfertigt. Die “Volksstimme” konnte damals in den Angeklagten keine Opfer
einer antisemitischen Kampagne erkennen, sondern erblickte in den Ärzten die Inkarnation des
Bösen: “Bestien in Menschengestalt”.19 Die Kampagne in der “Volksstimme” wurde zusätzlich
durch andere Formen der Öffentlichkeitsarbeit unterstützt.20
Als 1968 die massiven Aktionen gegen Juden in Polen begannen, gab es innerhalb der KPÖ heftige
Diskussionen über eine angemessene Reaktion. Mit über einem Jahr Verspätung führten diese dann
auch zu einer offiziellen Erklärung, in der die Besorgnis über die Ereignisse in Polen zum Ausdruck
gebracht und der Antisemitismus in der eigenen Partei thematisiert wurde. Zusätzlich wurde der
Nationalismus Israels und jener der Araber verurteilt.21 Bevor es zu dieser durchaus
bemerkenswerten Resolution kam veröffentlichte die “Volksstimme” allerdings die
Rechtfertigungsversuche der polnischen KP-Führung für ihr Vorgehen gegen Juden.22 Daß KPler
heute gerne darauf hinweisen, daß es in der Partei immer schon kritische Stimmen gegen den
Antisemitismus in Osteuropa und in der eigenen Partei gegeben hat, ist insofern bemerkenswert, als
es sich bei diesen kritischen Stimmen fast ausschließlich um Kommunisten handelte, die später aus
der KPÖ ausgetreten sind oder ausgeschlossen wurden.
Später sah die KPÖ nicht nur die Staaten des Realsozialismus Angriffen durch die scheinbar
weltumspannende zionistische Lobby ausgesetzt, sondern erblickte, passend zu ihrer nationalen
Orientierung, auch in Österreich das “Opfer einer zionistischen Kampagne”.23 Den Anlaß dafür bot
die internationale Kritik an der Entscheidung der damaligen österreichischen Bundesregierung, das
Durchgangslager für sowjetische Juden in Schönau zu schließen. Österreich hatte damals der Jewish
Agency Transitlager zur Verfügung gestellt, über die seit Beginn der siebziger Jahre zehntausende
Juden aus der Sowjetunion nach Israel ausreisen konnten. 1973 nahmen zwei Mitglieder der prosyrischen
Gruppe “Adler der palästinensischen Revolution” drei jüdische Emigranten und einen
Zöllner in Österreich als Geiseln und forderten die Beendigung der Einwanderung osteuropäischer
Juden nach Israel. Nach Verhandlungen mit der Kreisky-Administration kamen die Geiseln frei. Die
Gegenleistung der österreichischen Regierung bestand in der Schließung des Durchgangslagers
Schönau. Stößt ein Nachgeben gegenüber bewaffneten linken Gruppen in der Regel auf scharfe
Kritik, war die Begeisterung über die Schließung dieses Lagers in Österreich nahezu einhellig.24
Auch die KPÖ begrüßte das Ende der “zionistische(n) Menschenschmugglerzentrale”.25 Der
Kommunistische Bund Wien feierte die Erschwerung der jüdischen Emigration zwar als
Etappensieg, stieß sich aber an der angeblich fortbestehenden “protozionistischen Haltung der

< div>österreichischen Regierung”.26

Autonome gegen Israel
Seit 1968 forcierte die KPÖ ihre Kritik an Israel. Auch in den siebziger Jahren wurde ein
Zusammenhang zwischen Antizionismus und Antisemitismus völlig ausgeschlossen.27 Zunehmend
wichtig wurde seit dieser Zeit der Antizionismus der Neuen Linken. Seit Beginn der siebziger Jahre
wird von linken österreichischen und arabischen Gruppen vor allem an der Wiener Universität
Propaganda gegen Israel betrieben, die sich in einigen Punkten nur mehr marginal von den
zeitgleich verbreiteten Schriften rechter Gruppierungen unterscheidet. Der Kommunistische Bund
Wien betrieb eine spezifische Form linker Vergangenheitsbewältigung. Die Maoisten schrieben,
daß durch die israelische Repression “die gleichen Praktiken von den zionistischen Machthabern
gegen das palästinensische Volk”28 angewendet würden, wie sie die Nazis gegen die Juden
angewendet haben. Den Beweis für die Existenz von israelischen Lagern, in denen eine
bürokratisch organisierte und industriell betriebene Massenvernichtung von Menschen stattfindet,
blieben sie verständlicherweise schuldig.
In den achtziger Jahren führen die Aktivitäten von Linken und Grün-Alternativen mehrfach zu
Protesten in jüdischen Zeitschriften. Nachdem 1982 auf einer Demonstration die Parole “Begin ist
ein Nazi-Faschist!” gerufen wurde und 1983 in einem Demonstrationsaufruf der Alternativen Liste
Wien und der Gewerkschaftlichen Einheit vom “vorsätzlichen Genozid” an den Palästinensern die
Rede war, wurde die Linke von der “Gemeinde”, dem offiziellen Organ der Israelitischen
Kultusgemeinde, mit dem Vorwurf der Geschichtsentsorgung konfrontiert.29
Seit den neunziger Jahren wird ein antisemitisch aufgeladener Antizionismus in Österreich unter
anderem in einigen trotzkistischen Gruppen und vor allem von einer aus dem autonomen und
antiimperialistischen Milieu stammenden Gruppierung propagiert. 1990 führte die “autonome
Palästina-Gruppe” Interviews und Veranstaltungen mit dem völkisch-stalinistischen Antizionisten
Karam Khella durch, der in seinen Schriften die Ansicht vertritt, die Juden seien, solange sie am
Zionismus festhielten, selbst Schuld an ihrer Verfolgung. Bis heute werden Karam Khellas
Schriften auf zahlreichen Veranstaltungen von Palästina-Soligruppen verkauft.
Die Kritik an solchen Formen des Antizionismus blieb zumeist zaghaft. Die Redaktion des
autonom-umweltbewegten “Tatblatt” erkannte zwar den Antisemitismus bei Karam Khella und der
“autonomen Palästina-Gruppe”, schmetterte am Ende ihrer Stellungnahme dazu aber die Parole
“Boykottiert Waren aus Israel”30 heraus. Sie belegte damit nicht nur ihre historische Amnesie,
sondern dokumentierte auch, daß sie einer verkürzten, auch dem Antisemitismus — wenn auch mit
anderen Vorzeichen — nicht unbekannten Kapitalismuskritik anhängt, die glaubt, zwischen guten
und schlechten Waren und guten und schlechten Kapitalisten unterscheiden zu können.
Zahlreiche Versatzstücke eines antizionistischen Weltbildes finden sich bei der “Kampagne Tawfik
Ben Ahmed Chaovali”, die sich für die Freilassung des wegen eines Anschlags auf den El-Al-
Schalter im Wiener Flughafen inhaftierten Chaovali einsetzt. In einem Flugblatt verkündete die
Kampagne die atemberaubende Neuheit, daß Israel “seit Beginn seines Bestehens seine Existenz auf
Gewalt gegründet” hat. Dabei wird so getan, als wäre das eine Besonderheit des israelischen
Staates. Dieser massiven Kritik an Israel entspricht die völlige Abwesenheit einer grundsätzlichen
Staatskritik in antizionistischen Kreisen. Was man an Israel kritisiert — seine Staatsgewalt und
seine Nationswerdung inklusive der nationalen Mythen — wünscht man sich für die
palästinensischen Brüder und Schwestern. Staat und Nation sind im Bewußtsein der meisten
Antizionisten Erfüllungsgehilfen auf dem Weg zur Emanzipation — es sei denn, sie werden von
Juden in Anspruch genommen.
Die Flugblattschreiber wissen zwar von “Deportationen jüdischer Menschen aus Osteuropa und
Nazi-Deutschland nach Palästina” zu berichten, aber über die tatsächlichen Deportationen nach
Auschwitz und Treblinka schweigen sie sich aus. Mit ihrem Hinweis auf angebliche Deportationen
von Juden nach Palästina spielt die Kampagne auf einen Dauerbrenner antizionistischer Agitation
an: die angebliche Zusammenarbeit von Zionisten und Nazis, die nach Meinung einiger
Antizionisten bis in die Vernichtungslager hinein funktioniert habe. Zumeist beziehen sie sich dabei
auf das Haavara-Transferabkommen, das von den Nazis mit einigen Vertretern zionistischer
Organisationen geschlossen wurde. Es hatte aus zionistischer Sicht die Aufgabe, einen Teil des
jüdischen Vermögens aus Deutschland zu retten, wurde von zahlreichen Juden — auch von
zionistischen — heftig kritisiert und kann keineswegs als ein Beleg für eine Mittäterschaft
zionistischer Gruppen an den Verbrechen des Nationalsozialismus interpretiert werden.
Organisationen wie die “Zionistische Vereinigung für Deutschland” glaubten zwar, daß ihnen der
NS-Antisemitismus helfen könnte, ihre Positionen gegenüber den liberalen Juden Deutschlands
besser zu vertreten. Das bedeutet aber nicht, daß sie die NS-Herrschaft begrüßt hätten.31
Zum ständigen Hinweis auf eine angebliche Zusammenarbeit von Zionisten und Nazis paßt die
völlige Ignoranz der Antizionisten gegenüber den Sympathien, die zahlreiche Palästinenser für den
Nationalsozialismus empfunden haben. Ein deutliches Zeichen dieser Sympathie setzte der
Großmufti von Jerusalem el-Husseini, als er 1941 Hitler eine Visite abstattete und später mit
Eichmann die nationalsozialistischen Vernichtungslager begutachtete.32 Nach 1933 gab es in der
arabischen Welt zahlreiche Versuche, nationalsozialistische und faschistische Parteien zu
gründen.33
Die vermeintliche Kollaboration zwischen Nazis und Zionisten ist schon so ziemlich alles, was
radikale Antizionisten über die NS-Zeit mitzuteilen haben. Vom Antisemitismus, der sich laut einer
Broschüre der Kampagne gegen “Menschen jüdischen Glaubens”34 richtet, als hätte es sich bei der
Judenverfolgung und -vernichtung im 20. Jahrhundert um eine religiöse Auseinandersetzung
gehandelt, verstehen sie nichts. Über den Zionismus hingegen wissen sie scheinbar alles. Kein
Antizionist, der nicht sämtliche Zionisten-Kongresse seit Ende des 19. Jahrhunderts aufzählen und
auswendig aus der Balfour-Deklaration und Herzls “Judenstaat” zitieren kann. Eine Diskussion über
derartiges erübrigt sich. Der eigentliche Grund für die israelische Staatsgründung ist nicht in Basel,
sondern in Auschwitz zu finden. Auch wenn die zionistischen Gruppen in Palästina mit ihren
Aktivitäten bereits gezeigt hatten, daß das Projekt einer jüdischen Staatsgründung vielleicht
möglich ist, hat doch nichts so sehr wie der nationalsozialistische Vernichtungsantisemitismus
gezeigt, daß es auch nötig ist. Die ganze Perfidie antizionistischer Argumentation kommt zum
Vorschein, wenn die zentrale Rolle von Auschwitz zwar anerkannt, aber die Massenvernichtung
dann gerade deshalb als eine Art Koproduktion von Nazis und Zionisten dargestellt wird.
Bei all ihren Bemühungen geht es den linken Antizionisten in Österreich um dasselbe wie ihren
autonomen und antiimperialistischen Genossen und Genossinnen in der BRD und in anderen
L

Cowgirls: Unsere kleine Farm

von Jenny Mansch

Eine Ranch in den USA wird heute meist von einer Frau geleitet. Auf der Zapata-Ranch in Colorado haben sogar zwei die Hosen an.

Wie ein “Programmdirektor” sieht Asta Repenning wirklich nicht aus. Wenn die 25-Jährige frühmorgens am Steuer eines großen Pick-Up-Trucks samt Pferdeanhänger vor dem Haupthaus der Zapata Ranch vorfährt, wirbelt sie jede Menge Staub auf. Um acht Uhr ist sie bereits seit Stunden auf den Beinen. Sie ist ausgeritten und hat die Pferde eingesammelt und in die Ställe manövriert, die nachts draußen in der Prärie bleiben. Gefüttert, getränkt und gesattelt, schaukeln sie nun in dem Anhänger zur Arbeit, die Schlappohren der beiden Helferhunde auf dem Truck flattern im Wind.

Treibt Bisons, Rinder und Cowboys an: Asta Repenning bei der Arbeit

Zurück zur Natur

Die Zapata Ranch ist eine historische Ranch im San Luis Valley von Colorado, rund vier Autostunden von der Hauptstadt Denver entfernt. Die TV-Serie South Park spielt in dieser Gegend. 1860 kamen zunächst die Mexikaner und begannen, die von Ute-Indianern, Bisons und Rindern bevölkerte Gegend um die Ranch zu besiedeln. Doch schnell geriet man mit konkurrierenden Familien, die sich in der Schafszucht versuchten, in die Wolle. Über die Jahrzehnte gingen die Besitzverhältnisse hin und her, wie man es aus den Western kennt: Zäune wurden eingerissen, Wasserläufe manipuliert, Pistolen gezückt.

1989 machte schließlich ein japanischer Investor dem wilden Treiben im Westen ein Ende und kaufte die Ranch, um sie mit Restaurant und Golfplatz zu einer touristischen Edeladresse zu machen. Zum Glück kam Investor Hisa Ota eines Tages persönlich vorbei. Angesichts der durch seine Pläne ramponierten Schönheit der Natur schlug er die Hände über dem Kopf zusammen. Bestürzt verkaufte er das Gebiet an die Nature Conservancy, eine gemeinnützige Naturschutzorganisation. Seit 2004 hat der erfahrene Rancher Duke Philipps nun die Aufgabe übernommen, die Ranch, zu der auch die benachbarte Medano-Ranch gehört, im Einklang mit der Natur zu führen. Als erstes schloss er das Restaurant und renaturierte den Golfplatz zum Weideland.

Alle auf der Farm haben ihr Wissen vom “Duke”, wie er hier heißt, aber die beiden Schwestern Asta und Tess schmeißen den Betrieb auf der Zapata-Ranch längst schon allein. Die Arbeitsteilung ist leicht zu erahnen. Asta sieht aus wie ein richtiger Cowboy und scheint mit Hut und Lederchaps auf die Welt gekommen zu sein. Sie plant alle Aktivitäten und Arbeitsabläufe auf der Ranch, daher der “Programmdirektor”, ist ansonsten aber draußen bei der Herde. Die aparte Schwester Tess ist fürs Marketing und die Verkäufe zuständig. Eine gute Entscheidung, denn der Cowboy an sich kriegt auch heute die Zähne nicht recht auseinander. Da hilft eher weibliches Verhandlungsgeschick und Eloquenz.

Winzige Cowboy-Gewerkschaft

Eine “Working Ranch” wie die Zapata-Farm kann sich heute kaum noch allein mit Viehtrieb und Bisonfleisch über Wasser halten. Schon 1893 stellte man fest, dass Ferien auf einer solchen Arbeitsranch überaus beliebt sind und eine weitere Einnahmequelle bedeuten. Seitdem haben viele ihre Scheunentore auch für Besucher geöffnet, die in die Arbeit mit den Rinder- und Bisonherden einbezogen werden wollen. Wer einmal versucht hat, ein Jungtier zum Branden auf den Boden zu werfen, der weiß am Abend, was er getan hat. “Es ist heutzutage schwer, gute Cowboys zu finden”, erzählt Asta. Vor allem junge Männer werden gesucht, die sich diesen einsamen Knochenjob zumuten wollen. Aber immer seltener gefunden. Es gibt nur noch geschätzte 3000 arbeitende Cowboys in denUSA, und bis heute sind es einsame Reiter, die gern allein und wortkarg ihrer Arbeit nachgehen. Dennoch existiert sogar eine winzige Cowboy-Gewerkschaft, die Working Ranch Cowboy Association. Sie unterstützt ihre Mitglieder vornehmlich bei der Finanzierung der Ausbildung ihrer Kinder.

Rund 2500 Bisons gehören zur Zapata-Ranch im Süden von Colorado. Während sie ihre Jungtiere hüten, nähert man sich besser vorsichtig

Eco-Farming

Umso mehr begeistert sich jemand wie Eileen Wolf für das Leben auf einer Ranch. Die 58-Jährige ist für eine Woche aus Minnesota hergekommen, um mehr über das Viehtreiben und das Branding der Jungtiere zu lernen. Es ist nicht ihr erster Aufenthalt auf einer Ranch. Im Laufe der Jahre hat sie schon einige besucht und hat immer noch Fragen. Sie ist nämlich auch Police Detective und hat erst letzte Woche nach monatelangen Ermittlungen 22 Scheckbetrüger verhaften müssen, die versucht hatten, Walmart übers Ohr zu hauen. Davon will sie sich hier erhole
n und klatscht erfreut in die Hände, als Asta ihr den Plan für den nächsten Tag zeigt: Kastrieren der Jungbullen. Das wollte sie schon immer mal machen!

Darüber kann der stille Chefkoch Mike nur den Kopf schütteln. Er war früher selbst Cowboy, bis er sich auf die Küchenkunst verlegte. Er bereitet das zarte Bio-Bisonfleisch zu, ein Produkt des Eco-Farmings auf der Ranch: Statt wenige Tiere unbegrenzte Zeit einen Weideabschnitt kahlknabbern zu lassen, kontrolliert und plant Asta genau, wie viele Tiere wann auf welchem Flecken grasen. Damit gönnen sie dem Land und den Pflanzen Ruhephasen, um sich nachhaltig zu erholen. Doch das sind die Tage am Schreibtisch, die dem robusten Cowgirl eher nicht liegen. Viel lieber ist ihr die Zeit draußen und der November, wenn die Bisonherde in die Halle eingetrieben wird. Hier wird der Bestand gezählt und sie entscheidet, welches Tier bleibt und welches in den Verkauf geht. ” Ein mächtiges Getöse”, erzählt sie, “immer nur ein Bison darf rein, die Cowboys schließen und öffnen die Klappen, damit man sie separiert reinlassen kann. Das klappt nur auf Zuruf, und hier drin wird’s richtig laut.” Zum Schluss klemmt die 1-Meter-60-Frau den Kopf eines riesigen Bisons ein und fuhrwerkt sachkundig in seinem Maul. So bestimmt sie Alter und Geschlecht und kann das zottige Tier seiner weiteren Bestimmung zuführen. Auch darüber entscheidet sie hier ganz allein.

 Quelle: ver.di PUBLIK 11, 2011