Der katalanische Schriftsteller Josep Pla über eine Begegnung mit Hitler in München im November 1923

Es ist schwierig, Hitler zu treffen. Als echter Revolutionär führt er ein unstetes, bewegtes und wildes Leben. Aber für uns ist es jetzt einfach. Die Tatsache, dass wir spanische Staatsbürger sind, verleiht uns derzeit in Bayern moralische Kraft und erweist sich als hilfreich. Wir brauchen nur zur Redaktion von Hitlers Tageszeitung zu gehen und gleich am Eingang vor dem Portier eine Hymne auf unseren Diktator anzustimmen. In jedem anderen Land würde man uns für verrückt erklären, in München wird dies und alles andere geduldet, solange es nur reaktionär ist …

“Die politische Situation in Deutschland”, beginnt Hitler, “ist unter dem Gesichtspunkt der Würde unserer Partei, unter dem Gesichtspunkt der Würde unserer Rasse ganz und gar unerträglich. Wir sind zu allem bereit, außer dazu, in diesem schändlichen, erbärmlichen Zustand zu verharren. Selbst der Krieg ist besser, tausendmal besser als die Fortdauer dieser erbärmlichen Sklaverei. Überall auf der Welt haben die Männer der Ordnung triumphiert, die Männer der eisernen Faust, die Patrioten, die wahren Freunde ihres Vaterlands. Wir jedoch werden noch immer von einer Gruppe unheilvoller Experimentierer beherrscht, von Marxisten und Juden, die vom Ausland gekauft sind. All das muss ausgetrieben werden. Vor allem müssen wir generell, mit einer Explosion an allen Ecken des Reiches, das Judenproblem lösen. Wir werden dieses Problem durch eine Massenvertreibung lösen. Unser Vorbild ist das, was in Spanien mit den Juden geschehen ist, aber wir werden die spanische Lösung noch verbessern. Wir werden den Juden nicht die Wahl lassen zwischen Konversion und Vertreibung, wie Spanien es getan hat. Nein. Wir sind schlicht und einfach für Vertreibung. Für Spanien war die Judenfrage eine religiöse Frage, für uns ist sie eine rassische Frage. Hier in Bayern ist man schon dabei, die Juden auszuweisen, die keine bayerischen Staatsbürger sind. Das ist der erste Schritt zu einer allgemeinen Ausweisung.”

“Für uns”, fährt Hitler fort, “handelt es sich also um eine Rassenfrage. Deutschland muss von Deutschen und mit deutschen Methoden regiert werden. Der Marxismus ist die Verneinung unseres Geistes, der vor allem anderen national und patriotisch ist. Wir sind Sozialisten, wir interessieren uns für alle Probleme der Arbeiterklasse, weil sie deutsche Probleme sind, aber wir glauben nicht, dass es für diese Probleme eine andere Lösung geben kann als die antimarxistische, das heißt den Nationalismus. Unsere Partei heißt Nationalsozialistische Partei, und dieser Name macht deutlich, wo wir stehen. Wir haben nichts gegen die Kommunisten einzuwenden. Wir haben die besten Beziehungen zu dieser Partei. Die kommunistischen Arbeiter sind keine unreinen Deutschen, weil der Kommunismus in Deutschland nichts Widernatürliches ist. Für den Sieg zählen wir auf die Kommunisten. Gleichzeitig sind wir entschlossene Befürworter einer Allianz mit Russland. Russland wird heute von marxistischen Elementen regiert. Die Rolle Deutschlands wird sein, die Regierung dieses großen Landes im Osten von diesen Elementen zu säubern und dafür zu sorgen, dass in Russland die fremdrassigen Elemente von den reinen Elementen beherrscht werden. Dann wird die Stunde gekommen sein, Seite an Seite zu marschieren, der großartigen Zukunft entgegen, die vor dem deutschen und dem russischen Volk liegt.”

“Die Politik, die heutzutage mit uns getrieben wird”, sagt Hitler mit einem Nachdruck, der in direktem Verhältnis zu seinem entfesselten Überschwang steht, “hat die moralische und körperliche Verarmung des deutschen Volkes zum Ziel. Man will uns vernichten. Am Ende dieser Politik kann natürlich nur der Krieg stehen … der das Erwachen unserer Rasse bedeutet.”

Zitiert nach Eugeni Xammar: “Das Schlangenei. Berichte aus dem Deutschland der Inflationsjahre 1922-1924”. Berenberg Verlag, Berlin; 180 Seiten; 21,50 Euro.

Quelle: Spiegel-Special Geschichte 1/2008: 
Hitlers Machtergreifung


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