Unempfindlich bis immun – Rosa Luxemburg und Zionismus

Zum 90. Todestag Rosa Luxemburgs


Am 15. Januar 1919 wurde Rosa Luxemburg in Berlin ermordet, ihre Leiche in den Land- wehrkanal geworfen. Neben Karl Liebknecht war sie der führende Kopf des Spartakusbundes, einer Vereinigung, die für den internationalen proletarischrevolutionären Klassenkampf stand.


Luxemburg, 1870 in Zamocz nahe der russisch-polnischen Grenze geboren, war eine radikale Gegnerin des Militarismus. Eine revolutionäre Fanatikerin war sie nicht. Ihre Auffassung von Freiheit schloss ausdrücklich die Freiheit des Andersdenkenden ein. Die historische Aufgabe des Proletariats sah sie in der Errichtung einer sozialistischen Demokratie.



Zwar war Rosa Luxemburg nicht das einzige jüdische Mitglied des spartakistischen Führungskreises, doch war sie – als Frau, als in Russisch-Polen geborene Jüdin und als Sozialistin dreifach stigmatisiert – den antisemitischen Hetzkampagnen am stärksten ausgesetzt. Die Antisemiten verketzerten sie über ihren Tod hinaus in der Öffentlichkeit als die «typisch jüdische» Radikale, um zugleich die Revolution schlechthin als jüdischen Umsturzversuch zu diskreditieren. In ihrem Denken ließ sie keinen «jüdischen» Aspekt und in keiner Phase ihres Lebens und Wirkens ein überdeutliches Interesse an jüdischen Problemen erkennen. Als «Internationalistin» hatte sie in ihrem Herzen keinen «Sonderwinkel» für die Juden reserviert.



Was auf die Marx’, Singers, Adlers – bei aller Unterschiedlichkeit – hinsichtlich ihrer Identität «passen» mag, muss noch lange nicht auf Rosa Luxemburg zutreffen. Trotzki wurde einmal gefragt, ob er sich als Russe oder als Jude betrachte, und soll geantwortet haben: «Keins von beiden, ich bin Sozialist». Rosa Luxemburg hätte ähnlich geantwortet, nein, hat so geantwortet: Als ihre Freundin Mathilde Wurm sie einmal auf die pogromistische «Judennot» und die «Judenschmerzen» in Russland aufmerksam machte, reagierte Rosa Luxemburg abweisend und kalt und erklärte, sie habe keinen «Sonderwinkel im Herzen für das Ghetto», sie fühle sich in der ganzen Welt zu Hause, überall dort, wo es Menschentränen gebe. Ihr standen die Opfer der Gummiplantagen in Putumayo, die Schwarzen in Afrika, «mit deren Körper die Europäer Fangball spielen», ebenso nahe wie die leidenden Juden. Partikulare jüdische Interessen konnte und wollte sie, und mit ihr eine Reihe anderer Sozialisten jüdischer Herkunft, die sich als Internationalisten verstanden, und die sich allesamt einem universal-sozialistischen Ideal verpflichtet fühlten, nicht erkennen.



Zwar haben auch im Zionismus sozialistische Gedankengänge schon sehr früh eine Rolle gespielt, wenn auch nicht die bedeutendste. Hemmend wirkte sich vor allem aus, dass nichtjüdische Sozialisten den Zionismus als besondere Erscheinungsform des Nationalismus ablehnten, obwohl vor dem Ersten Weltkrieg viele sozialistische Theoretiker trotz des prinzipiellen Internationalismus nationalen Bestrebungen durchaus positiv gegenüber- standen.



Dass der Zionismus ein Nationalismus im herkömmlichen Sinne sei, wurde von sozialistischen Zionisten mit dem Hinweis bestritten, dass die «Judenfrage» keine rein nationale, sondern gleichzeitig eine soziale Frage sei. Rosa Luxemburg vertrat die Auffassung, dass die kapitalistische Entwicklung das Judentum nicht als Nation im eigentlichen Sinne bestehen lasse, sondern ihm den Status einer «geschichtslosen Nation » zuweise.



«Von allen Seiten melden sich Nationen und Natiönchen mit ihren Rechten auf Staats- bildung», machte sie sich einmal lustig, und fügte in ihrer typischen Art hinzu: «Ver- moderte Leichen steigen aus jahrhundertjährigen Gräbern, von neuem Lenztrieb erfüllt… Zionisten errichten schon ihr Palästinaghetto, vorläufig in Philadelphia». Die Nationalitätenfrage – wie alle gesellschaftlichen und politischen Fragen – als Klassenfrage, danach könne das Judentum als gesellschaftliche Minderheit keine nationale Politik treiben. Der Zionismus als partikulare, nationalistische Bewegung bedeutet nach sozialistischer Lesart eine Ablenkung von den Prinzipien des revolutionären Klassenkampfes. Und da dieser ohnehin die universelle Befreiung der Menschheit anstrebe, erübrige sich die Unterstützung einer einzelnen unterdrückten Minderheit.



Die Bezugnahmen Rosa Luxemburgs zu «jüdischen Problemen» waren äußerst spärlich. Obwohl sie aus Osteuropa stammte, die jüdische Wirklichkeit aus der Nähe kennen musste, hat sie ihre jüdische Herkunft einfach ignoriert. Dies ist umso verwunderlicher, als sie eine gewisse jüdische Erziehung genossen, in ihrer Jugend jiddisch gelernt hatte und ihre Parteitagsnotizen in dieser Sprache zu notieren pflegte. Auch gehörte ihr Vater zur jüdischen Aufklärungsbewegung, der Haskala.



Auch gegenüber persönlichen antisemitischen Anfeindungen zeigte sich Rosa Luxemburg zumeist unempfindlich bis immun und setzte sich nie publizistisch mit der «Judenfrage» auseinander. Doch einmal verließ sie ihre Contenance doch: Als sie im Jahre 1903 von dem führenden SPD- Politiker Wolfgang Heine – wiederholt – als Jüdin verunglimpft worden war, gab die Angegriffene mit einer scharfen Erklärung im «Vorwärts» ihre Gleichgültigkeit auf, um sich gegen die «antisemitischen und ausländer-fresserischen Ausfälle » zur Wehr zu setzen. Sie stellte die Frage, ob ein Mann geeignet sei, eines der höchsten Vertrauensämter in der SPD zu bekleiden, der sich mit seiner antijüdischen Hetze «moralisch auf das Niveau der preußischen Polizei» stelle. Das saß!



Die meuchlerische zeitgleiche Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts im Januar 1919 in Berlin war zugleich das blutige Symbol des Sieges der Gegenrevolution. Luxemburg und Liebknecht waren die ersten Opfer konterrevolutionärer Gewalt, bald folgten ihnen weitere revolutionär gesinnte Politiker – Kurt Eisner, Gustav Landauer, Walther Rathenau und weitere. Sie alle waren auch Juden. So blieb das Ergebnis der so verheißungsvoll begonnenen Novemberrevolution des Jahres 1918 eine einzige Enttäuschung, denn wirklich geändert hatte sich nichts. Schon gar nicht eine neue Gesinnung in den eigentlichen politischen Dingen.



Rosa Luxemburg stand für einen kleinen, wenn auch radikalen Teil der revolutionierenden Massen, die sie längst nicht gewonnen hatten, und sie wurde sehr bald von der Revolution «gefressen». Am 15. Januar 1919 wurde Rosa Luxemburg Opfer reaktionärer Soldateska.


L. Joseph Heid


«Jüdische Zeitung», Januar 2009

Quelle

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