Willi Winkler und der Mann der Tat

Von Thierry Chervel, 02.12.2009

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mso-fareast-languageE;mso-bidi-language:AR-SA”>Dass es linken Antisemitismus gibt, hat sich inzwischen sogar bis in
die Linke herumgesprochen. Und doch ist es bis heute bestürzend, wie
asymmetrisch die Wahrnehmung der Öffentlichkeit ist. Gerät eine Institution wie
die Kirche in Verdacht, dann ist das Rauschen in den Blättern groß: Aber so
empörendBenedikts XVI. Abwiegeln
ist – wen repräsentieren schon die Piusbrüder? Weit weniger Interesse erregte
fast gleichzeitig der postkoloniale Stand-up-Comedian Dieudonné, der vor einem
johlenden Massenpublikum den Holocaustleurgner Robert Faurissonmit einem
selbstgeschaffenen Pres für political incorrectness auszeichnete.

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Kommt der Pesthauch
aus der eigenen Ecke, hat es damit immer eine Bewandtnis. Dann muss man
erklären, verstehen und es auch mal ganz anders sehen. So heute auch Willi
Winkler in der 
SZ in einerBesprechung von Aribert Reimanns Biografie des Kommunarden: Dieter Kunzelmann war Antisemit, Winkler
will es ja gar nicht leugnen. Aber Kunzelmann war eben auch hochsympathischer
“Großkasperl”, der die Verhältnisse im Sinne Winklers zum Tanzen
brachte und den man sich von Aufklärern wie 
Wolfgang Kraushaar,Gerd Koenen oder Götz Aly nicht
kaputtmachen lassen will. So ein Mann der Tat lässt einen Mann des Wortes wie
Winkler stets schon knieweich werden. Der “letzte deutsche Bohemien”
sei Kunzelmann gewesen, schwärmt Winkler. Als wäre das ein Ehrentitel. Die
Boheme ist genau jenes Terrain vague, in dem die rechten und linken
Totalitarismen ihre ungeschiedenen Ursprünge haben. Hitler war auch ein Bohemien.
 

“Es gehört mittlerweise zum guten Ton, den
großen Zampano schlechtzureden”, klagt Winkler. Kraushaars Kunzelmann-Buch
ist – neben Gerd Koenens Buch 
“Vesper, Ensslin, Baader” und Götz Alys“Unser Kampf” – so epochal, weil es verdrängte Kontinuität unter den
Brüchen offenlegt. “Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus” schildert,
wie Kunzelmann mit seinen “Tupamaros” den “
Judenknax” (so
Kunzelmann) der 68er heilen wollte. Kein Buch zeigt besser, dass eine bestimmte
Fraktion der 68er – eine radikale, aber wie Winklers Beispiel bis heute zeigt,
eine einflussreiche – keineswegs über die Taten der Eltern aufklären wollte,
sondern dass ihre Pathologie eine der Wiederholung war: Sie wollten die Geschichte der
Eltern nachspielen, nur andersrum, mit sich selbst in der Rolle der Opfer und
Resistants – und den Amerikanern und Juden in der Rolle der Nazis.

Hinter den Rechtfertigungen eigener Morde und
Mordgelüste steckte ein banaler Reflex unverarbeiteter Vergangenheit, eine
unschöne Aneignung des Opferstatus, eine zweite
Entsorgung
 der eigentlichen Opfer. Diese
Mentalität kristallisierte sich in der Tat, die bis zu Kraushaars Buch so gut
wie total verdrängt war, der 
Bombe im jüdischen Gemeindehaus. Sie sollte am 9. November 1969 hochgehen,
während des Gedenkens an die “Reichskristallnacht”, wo sich ein
schütteres Häufchen Überlebender mit ein paar offiziellen Abgesandten des
Staates und der Kirchen versammelte. Gelegt hatte sie Albert Fichter, offenbar
auf Weisung Dieter Kunzelmanns, der bis heute leugnet.

“Dass Kunzelmanns Untat antisemitisch
war”, will Winkler wie gesagt gar nicht bestreiten. Es ist ihm nur nicht
so wichtig. Winkler scheint in der Tat einen fehlgeleiteten Akt mit an sich
richtiger Intention zu sehen. Er ordnet sie in eine Tradition des Surrealismus und Situationismus ein,
deren Legitimität für ihn bis heute nicht in Zweifel steht: “1969 mag es
für (Kunzelmann) der ultimative surrealistische Akt gewesen sein, die Berliner
Gedenkfeier in ihrem selbstzufriedenen Philosemitismus zu erschüttern. So
grauenhaft und wenig verzeihlich das ist, so wenig sollte einem die
Zerstörungslust fremd sein, die der Avantgarde seit je zugehört. Die Avantgarde
war nie nett zu ihrem Publikum.” Diese Sätze müsste man genauer
auseinandernehmen: Sind die im Gemeindehaus versammelten Juden das
“Publikum” einer Avantgarde, die nun mal nicht nett zu ihm ist?
Sollten sie das Attentat im Namen der Kunstfreiheit über sich ergehen lassen?
Kann man vom “selbstzufriedenen Philosemitismus” eines schütteren
Häufchens Holocaustüberlebender sprechen?

Die Bombe ging nur wegen eines kleinen Konstruktionsfehlers nicht
hoch. Sie war so explosiv, dass es unter den 250 Anwesenden zahlreiche Tote
gegeben hätte. Dass der Berliner Verfassungschutz bei der Übergabe der Bombe an
Fichter eine Rolle spielte, macht diesen verdrängten deutschen Moment nur noch
grässlicher. An Kunzelmanns spontanem, tief gefühltem Antisemitismus ändert es
nichts.

Winkler versucht dennoch eine Ehrenrettung der
abscheulichen Figur – zu konstitutiv scheint sie für seinen eigenen
ideologischen Komfort. Die Empörung über Kraushaars nüchterne Rekonstruktion
der Fakten klingt in seinem Artikel noch nach: “Wolfgang Kraushaar ist es
mit seinem Buch ‘Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus’ gelungen, Kunzelmann als
bete noire, als den allerschlimmsten Finger, zu denunzieren, der die bis dahin
so ehrbare Linke zum Antisemitismus der Elterngeneration zurückgeführt haben
soll.”

Winklers Artikel repräsentiert eine Tendenz in der
kulturellen, intellektuellen und auch politischen Linken in Deutschland – eine
Tendenz zur Leugnung der Geschichte. Zurecht erinnert Winkler daran, dass die
Berliner Alternative Liste Kunzelmann ohne den geringsten
Skrupel in den achtziger Jahren zum Abgeordneten im Westberliner Parlament
machte. Man sah darin eine weitere lustige Provokation des Establishments. In
der Hausbesetzerszene und der 
taz gab es
seinerzeit ganze Fraktionen von Verehrern, die stets an seinen Lippen hingen,
wenn er Anekdoten aus der Politclownzeit der Kommune 1 zum besten gab.

Der Muff der tausend Jahre qualmt auch aus
Haschichtüten.

Thierry
Chervel

twitter.com/chervel

Quelle: Perlentaucher, 2.12.2009

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