Peter Tautfest: Palästina in Berlin

War die linke 68er Szene in West-Berlin antizionistisch oder gar antisemitisch? Der spätere taz Redakteur und ehemalige SDSler Peter Tautfest verneint das.


1980 verabschiedete sich Peter Tautfest  mit einem Artikel in
der Nr.17/18 der maoistischen Zeitschrift „Befreiung“ nach mehr als 10 Jahren engagierter
Mitarbeit aus der Palästina-Solidarität, weil ihn die Haltung der PLO in der
Holocaust-Diskussion zu einer scharfen Kritik an ihrer
„Gefühlskälte und Gefühlsverdrängung“ bewogen habe und zum anderen sei die
Palästina-Solibewegung in „10 Jahren nicht aus ihrer Isolierung
herausgekommen“. Für die marginale Rolle der Palästina-Solidarität
in der antiimperialistischen Bewegung der westdeutschen und
west-berliner Linken der 60er und 70er Jahre gibt Insider Peter
Tautfest folgende Erklärung ab: 

„…In den frühen 60er
Jahren spielte Israel für die fortschrittliche bzw.
demokratische Bewegung in Deutschland ungefähr die Rolle, die in
den späten 60er Jahren China spielte: Israel galt als besonders
demokratisches Land, als sozialisti­sches Ideal mit seinen
Kibbuzim und als Bastion des Antifaschismus. Viele junge
Deutsche sind aus antifaschistischer Einstellung heraus nach
Israel gegangen, haben in den Kibbuzim gearbeitet und dies als
einen Beitrag zum Kampf gegen den Faschismus verstanden. Die
Positionen der arabischen Staaten gegenüber Israel

wurden entweder nicht zur Kenntnis
genommen oder für Relikte des Antisemitismus gehalten, das
Schicksal des palästinensischen Volkes war vollkommen
unbe­kannt, und auch der Befreiungskampf der Algerier hat an dem
blinden Fleck im Auge der demokratischen Jugend in Deutschland
gegenüber den Problemen der arabischen Welt nichts geändert.
Unter den Demokraten und Linken fand in Deutschland die
Entführung Eichmanns ungeteilten Beifall, Kritik daran blieb der
Rechten vorbehalten. In keinem Land Europas war die
Identifikation von Antifa­schismus und pro-israelischer Haltung
derart stark. Das begann sich erst 1967 während und nach dem
Krieg zu ändern, wobei die Berichterstattung der Springer­presse
eine gewisse Rolle spielte, vor allem ihr Versuch,
pro-israelische Sympa­thien in Deutschland gegen die schon
ziemlich entfaltete antiimperialistische Be­wegung zu
mobilisieren. Dieser Prozeß des Umdenkens ging aber sehr langsam
vor sich. Die Nachricht vom Ausbruch des 67er Krieges erreichte
die damalige linke Bewegung in Deutschland in einer besonderen
Situation. Am 5.6.1967 befanden sich Tausende von Studenten auf
dem Campus der Freien Universität Berlin. Sie protestierten
gegen die Erschießung Benno Ohnesorgs, der bei einer
Demonstra­tion am 2. Juni gegen den Schah in Berlin den Tod
gefunden hatte. Als die Nach­richt vom Ausbruch des Krieges
eintraf, bildeten sich um die wenigen arabischen Studenten
Diskussionstrauben. Die arabischen Studenten fanden weder Gehör
noch Verständnis, sondern ertranken fast in einem Meer an
Feindseligkeit. Noch 1968, auf dem Berliner Vietnamkongreß,
wurde ein schwarzer Amerikaner, der das Problem des besetzten
Palästinas zur Sprache bringen wollte, am Reden ge­hindert. Der
bürgerlichen Presse, etwa der ZEIT, blieb es vorbehalten, auf
das Schicksal der Palästinenser aufmerksam zu machen, auf die
Menschen aus den Flüchtlingslagern in der Westbank, die abermals
zum Aufbruch und zur Flucht ge­zwungen wurden. In anderen
europäischen Ländern war es ähnlich, so erklärte Sartre bei
Ausbruch des Krieges, daß ihn die Ereignisse noch zwingen
werden, eine pro-amerikanische Position einzunehmen.

Das besondere Verhältnis der europäischen Öffentlichkeit
hängt
mit der fa­schistischen Besetzung, der Vernichtung des
europäischen Judentums und dem antifaschistischen Kampf
zusammen. Nirgends aber war die Identifikation mit
Israel so
ausgeprägt wie in Deutschland. Das hatte seine
Rückwirkungen auf
die sich dann allmählich herausbildende
Palästinasolidarität in
Deutschland. Die deutsche Linke hatte gegenüber der
europäischen in dieser Frage einen Vorsprung aufzuholen
und
übernahm ziemlich schematisch antiimperialistische
Positionen,
ohne die Phase der Betroffenheit über geschehenes
Unrecht und
der Empörung gegen Unterdrückung und Entrechtung
durchlaufen zu
haben. Diese schematische Anwendung
antiimperialistischer
Kategorien auf das Palästina/Israel-Problem wirkt bis
heute fort
und ist die Ursache einiger Schwächen der
Palästinasolidaritätsbewegung. Zum einen setzt sie in
ihrer
Argumentation auf einem relativ hohen theoretischen
Niveau an,
argumentiert in erster Linie historisch, völkerrechtlich
und
imperialismustheoretisch. Erst in letzter Zeit findet
sie eine
von der An­schauung motivierte Sprache und argumentiert
vom
Schicksal der betroffenen Menschen her. Die
Solidaritätsbewegung
mit Vietnam und die Empörung gegen den Rassismus in
Südafrika erfaßt breiteste Kreise unter Einschluß rechtsliberaler und
liberalkonservativer Kreise bis hin zur
antiimperialistischen
Linken, und zwar weil sie das Schicksal der Betroffenen
anspricht und vor Augen führt. Anders die
Palästinasolidaritätsbewegung. Sie wendet sich gleichsam
an ein
Fachpublikum und ist bis heute auf die Linke beschränkt
und hat
nicht einmal eine besonders breite Basis in den linken
Organisationen selbst.“
(Befreiung 17/18, Frühjahr 1980, S. 130f)

Tautfest hat Recht. Seine theoretische Sicht der Dinge deckt
sich mit der Empirie der Verhältnisse. In der Chronologie der FU Berlin „Hochschule im Umbruch“
Teil V, Gewalt und Gegengewalt 1967-1969 finden sich
lediglich folgende
Pro-Palästina-Aktivitäten. 

  • 11. Juni 1967,
    ein Flugblatt des „Komitees zur Hilfe der
    Palästina-Vertriebenen“ ruft zu Sach- und Geldspenden auf.
  • 29. Januar
    1968, der Vortrag des israelischen Botschafters Asher Ben
    Nathaan wird durch Zischen und Buhrufe gestört

In der theoretischen Diskussion
bildet das Nahost-Problem – trotz des 7-Tagekrieges – keinen
Gegenstand der kritischen Reflexion. In diesem Zeitraum widmet
„Das Argument“, eine wichtige Theoriezeitschrift der
außerparlamentarischen Linken, dem arabisch-israelischen Konflikt
ganze sechs(!) Druckseiten, die zwei Buchbesprechungen beinhalten
(Nr. 45, vom Dezember 1967). Enzensbergers „Das Kursbuch“ behandelt das Thema
überhaupt nicht. Erst die am Ottto-Suhr-Institut ab
1969 erscheinende „Sozialistische Politik“ publiziert dann 1969 drei kurze
theoretische
Artikel zur Nahost-Frage (Nr. 2 und
3/69).  

Stattdessen
überwiegen im Israel-Palästina-Konflikt bis 1969 eindeutig die
pro-israelischen Aktivitäten. Die westberliner
sozialistischen Kinderläden diskutieren 1969 ihr
politisch-pädagogisches Selbstverständnis anhand der Erziehung
im Kibbuz. 

Im Juni 1986 erscheint das 600 Seiten
starke Buch „Hoch die internationale Solidarität“. Wie die
Herausgeber, Werner Basel und Karl Rössel, in der Einleitung
schreiben, soll es ein „Lesebuch“ zur Geschichte der
Dritte-Welt-Bewegung in der Bundesrepublik sein. Dieses Buch will
keine „Rezepte für eine bessere Dritte-Welt-Arbeit“ liefern,
sondern die „Hauptströmungen“ vorstellen, die in der Geschichte
der BRD bisher vorherrschend waren. Für die Herausgeber sind es
die Initiativen der „Algerien-, Vietnam,- Chile- und
Mittelamerika-Solidarität“.  Dagegen: Nahostfrage und
Palästina-Solidarität = Fehlanzeige. Zu erfahren ist lediglich
(S.381f) , dass der PLO-Vertreter, der ursprünglich auf der ersten
großen Friedensdemo am 10.10.1981 in Bonn reden sollte, wegen der
von ihm vertretenen Politik, wieder ausgeladen wurde.  




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