Gegen die Delegitimierung Israels!

Am Ende des 20., Anfang des 21. Jahrhunderts wurde deutlich, dass das Volk und der Staat Israel, trotz seiner wirtschaftlichen, militärischen und kulturellen Erfolge im jetzigen Stadium der modernen Geschichte eine schreckliche Niederlage im globalen Informationskrieg erlitt. Diese Niederlage in der Schlacht um das Recht der Juden und ihres Staates auf eine Existenz, gegen das erneut erhobene Haupt des Nationalsozialismus und des Islamismus, kann der Vorbote einer globalen Katastrophe werden. Bertolt Brecht schrieb prophetisch 1941 im Epilog seines Dramas «Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui»:

«Ihr aber lernet, wie man sieht statt stiert und handelt; statt zu reden noch und noch. So was hätt’ einmal fast die Welt regiert! Die Völker wurden seiner Herr, jedoch daß keiner uns zu froh da triumphiert – der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.»


Die Realitäten der Politik des Westens haben sich nun verschoben. In der modernen Geschichte gaben der jüdische Staat und das Volk Israels dem Nachkriegs-Deutschland bei verschiedenen Gelegenheiten eine neue Legitimation in der Familie der zivilisierten Völker der Welt. Dies geschah 1952 durch den Beginn der Entschädigungszahlungen an jüdische Opfer des Holocaust in aller Welt und auch im Jahr 1960 nach dem historischen Treffen des israelischen Ministerpräsidenten David Ben Gurion mit dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer im New Yorker Hotel Waldorf Astoria, als eine Vereinbarung über Reparationen und massive militärische Hilfe für den jungen jüdischen Staat erreicht wurde. Ohne diese Hilfe hätte Israel den ständigen Aggressionen der arabischen Länder nicht standhalten können. Nach der deutschen Wiedervereinigung im Oktober 1990 unterstützte das jüdische Volk den nationalen und demokratischen Prozess und Deutschland ist immer noch der zuverlässigste Partner und Verbündete Israels.


In keinem anderen Land der Welt war Deutschland in der Lage seinen internationalen Ruf so zu verbessern, wie es im jüdischen Staat geschah. Andererseits, trotz mündlicher Zusicherungen, gibt es eine gewisse politische Müdigkeit und Erosion in Bezug auf die wichtige Frage der Existenz des jüdischen Staates, die Bundeskanzlerin Angela Merkel gar zur «Staatsräson» erklärte. Deutschland schloss zuversichtlich seine Legitimität unter den Demokratien des Westens ab und Israel spielt in diesem Prozess nicht mehr die alte Rolle eines ehemaligen moralischen Garanten. Man braucht offensichtlich nicht den Umfang der alten Harmonisierung der Beziehungen in der Innen- und Außenpolitik der EU mit den Lebensinteressen Israels aus den Tagen des Kalten Krieges. Heute gehören dazu auch laute und sehr eindringliche antiisraelische und sogar antisemitische Stimmen. Man bekommt den Eindruck, dass einige durch arabische Petrodollars bezahlte Medien, aber auch westliche Politiker nun bereit sind, Israel und das jüdische Volk zu opfern und unter die Räder des Zuges von Antiisraelismus und Antisemitismus zu werfen. In Europa und den Vereinigten Staaten wächst die Zahl der antisemitischen Vorfälle und der Übergriffe auf Juden, Synagogen und die jüdischen Gemeinden, sogar vor Morden wird nicht mehr zurückgeschreckt, wie etwa im März 2012 das Massaker an jüdischen Kindern durch einen französischen Islamisten in einer Schule in Toulouse. Der Bericht des unabhängigen Expertenkreises «Antisemitismus», der bereits im Herbst letzten Jahres erschien, wurde Ende Januar auf Einladung des Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse im Bundestag vorgestellt. Als neue führende Kraft des Antisemitismus in Deutschland erwies sich der radikale Islamismus mit über 37.000 Anhängern. Der Rechtsradikalismus mit seinen laut Verfassungsschutz etwa 26.000 Anhängern rangiert auf der zweiten Stelle in dieser Liste. Unsere Weisen des Altertums schrieben: «Wer ein Leben zerstört, zerstört die ganze Welt, und wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.» (Mischna, Traktat Sanhedrin, 4:5).


Seit einem beträchtlichen Zeitraum hören sie nicht auf, sondern im Gegenteil; unter dem Druck des islamischen Blocks verstärken sich die Bemühungen einiger Amerikaner und Europäer, Israel zu delegitimieren und seine Souveränität über das Gebiet von Erez Israel zu begrenzen. Der Westen betreibt aktive Einmischung in die Innenpolitik Israels, einem UN-Mitglied seit 1948. Was früher die Beschäftigung der Neonazis und islamischen Fanatiker war, wächst heute zu einer gut bezahlten internationalen Bewegung. Durch arabisches und iranisches Öl werden Gehirnwäsche und antiisraelische, antisemitische Propaganda in den Medien der ganzen Welt massiv finanziert.


Heute leugnet der katholische Bischof Richard Williamson, Mitglied der traditionalistischen Priesterbruderschaft St. Pius X., den Holocaust; Baroness Catherine Ashton, seit 2009 Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik und Erste Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, vergleicht die Situation in Gaza mit dem Mord an jüdischen Kindern in Toulouse. Ein «Sahnehäubchen» gab auch der SPDParteivorsitzende Sigmar Gabriel. Beim Besuch in Israel nannte er sein Gastland einen «Apartheid-Staat». Zur Ehrenrettung der Berliner Jusos muss man betonen, dass sie gegen Ihren Parteivorsitzenden auftraten.

Alle übertraf zuletzt der Literaturnobelpreisträger, Günter Grass, der in seinen jungen Jahren Mitglied der Waffen-SS war und, wie es sich herausstellte, ein ewiger Antisemit ist. Einst wollte er den Nationalismus vermeiden, in dem er die Wiedervereinigung Deutschlands verhindern wollte. In seinem Pasquill-Gedicht «Was gesagt werden muss», das gleichzeitig in der «Süddeutschen Zeitung», «El País» und «La Repubblica» veröffentlicht wurde, griff er «gealtert und mit letzter Tinte» Israel wegen seiner vermeintlich vorbereiteten nuklearen Attacke auf die Atombomben-Produktionsstätte des hochgerüsteten Mullah-Regimes im Iran scharf an. Wie vor einigen Jahren bei der «Auschwitz-Moralkeule» von Martin Walser offenbart sich der Hass auf Israel – und natürlich gegen die Juden allgemein – in diesem «Gedicht» in Umkehrung und Verkennung der längst bekannten Tatsachen. «Ich schweige nicht mehr…», schrieb mutig der erwachte greise Literaturnobelpreisträger, nach dem er 60 Jahre seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS eisern verschwiegen hatte. Selbstverständlich ist es ein reiner Zufall, dass nach dieser Publikation von Grass ein neues Buch erscheinen muss und der Skandal um das «Gedicht» die Verkaufszahlen ankurbelt.

Einige westliche Verbündete und internationale Organisationen, zuletzt die Vereinten Nationen, versuchen, Israel die Kontrolle über seine noch aus den Zeiten der Balfour-Deklaration 1917, der San-Remo- Konferenz 1920 und des Völkerbundes erklärten Hoheitsgebiete und über die Innenpolitik des Staates zu entziehen. So wollen sie entgegen internationaler Vereinbarungen über die Baupolitik im Land mitentscheiden. Fast alle Antisemiten sagen heute, dass sie die «wahren Freunde Israels» seien. Der beliebte deutsche Journalist und Politik-Experte Henryk M. Broder referierte im Juni 2008 vor dem Innenausschuss des Deutschen Bundestages über die neuen Formen des «Antisemitismus ohne Antisemiten »: «Nach 1945 gab es dann aus den bekannten Gründen einen Antisemitismus ohne Juden, und heute haben wir es wieder mit einem neuen Phänomen zu tun: einem Antisemitismus ohne Antisemiten.»


Israel ging auf die Forderungen der Europäer und der Amerikaner ein, verließ die Halbinsel Sinai, gab sie an Ägypten ab; unter der Verheißung des Friedensprozesses erkannten die Israelis sogar ohne Gegenleistung die Palästinensische Autonomiebehörde an, zogen die Armee aus dem Südlibanon und aus dem Gazastreifen zurück. Israel hat sich akribisch an die Bestimmungen der Osloer Verträge gehalten, die 1993 in Washington unterzeichnet wurden. Als Antwort erhielt Israel die arabische Ablehnung des Friedensprozesses im Allgemeinen, keine Anerkennung des jüdischen Staates und Unterstützung der tollwütigen extremistischen Bewegungen wie Hamas und Hisbollah seitens der arabischen Welt. Raketenangriffe auf Sderot und Stadtgebiete Aschkelons, Aschdods, Beer Schewa, zusammen mit dem Beschuss des Nordens Israels sind heute auf der Tagesordnung und gelten als ein «normaler » Zustand. Täglich erreichen uns Berichte über Terroranschläge und Morde an Juden durch Islamisten in Israel und im Ausland. Provokationen wie zum Beispiel notorische Verstöße gegen die erklärte Seeblockade des Gaza-Streifens, einschließlich der durch das türkische Schiff «Mavi Marmara», oder Versuche, die syrisch-israelische Grenze auf dem Golan zu durchbrechen, führten zu Verlusten von Menschenleben. Charakteristisch ist, dass vor fast einem Jahr der Deutsche Bundestag einstimmig für eine Resolution, die die Aufhebung der Blockade des Gaza- Streifens forderte, stimmte. Dass aus dem Gazastreifen kontinuierlich Hunderte und Tausende von Raketen auf friedliche Dörfer und Städte in Israel fliegen, interessiert offensichtlich niemanden.


Durch seine antisemitische Rhetorik zeichnete sich der Minister-Präsident der Türkei Recep Tayyip Erdogan aus, der kürzlich vom ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Roman Herzog mit dem Toleranzpreis ausgezeichnet wurde. Das alles erinnert an die schändliche Vereinbarung vom 1939 in München (Münchner Abkommen), bekannt als Appeasement-Politik. 73 Jahre zurück opferte man die Tschechoslowakei, um die Ambitionen und den politischen Appetit Hitlers zu befriedigen.


Die internationale öffentliche Meinung unterstützte den «arabischen Frühling» in Tunesien, Libyen, Ägypten und Jemen, der seinerseits sofort in den politischen antiwestlichen und islamistischen Winter überging. Die Massakrierung der Bevölkerung von Syrien durch die eigene Armee bedarf keines Kommentars, aber die Verurteilung der blutigen Diktatur steht in keinem Vergleich und kommt nicht mal in die Nähe der laufenden täglichen Verurteilung des jüdischen Staates. Die Probleme der Demokratisierung in der arabischen Welt prallen gegen eine Betonmauer massiver Propaganda des radikalen islamischen Wachhabismus und Salafismus, die u.a. die Gleichberechtigung der Weltreligionen kategorisch ablehnen. Vor allem das märchenhaft reiche Katar und Saudi-Arabien, die wichtigsten Energielieferanten der Welt, fordern und fördern diese Haltung. Das Problem der Weiterverbreitung von Atomwaffen ist nicht nur auf das islamische Regime Pakistans beschränkt – auf der Tagesordnung steht jetzt der unberechenbare Iran mit seiner nuklearen Raketen-Bedrohung. Diese Entwicklung, zusammen mit der wachsenden Renaissance der archaischen Praxis des islamischen Rechts, der Scharia, in islamischen Ländern und den Versuchen es in den USA und Europa zu etablieren, stören nicht im Entferntesten im Vergleich mit der bloßen Existenz des jüdischen Staates, einer einzelnen wirklichen Demokratie im Nahen Osten.


Deshalb erklären wir fordernd:


Keine neue Appeasement-Politik! Keinen neuen, diesmal nuklearen Holocaust!


Es sind die Worte eines Juden, Jesus von Nazareth: «…geht nicht zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe» (Matth. 10:6, 7). Zur den Aufgaben der Christen in der ganzen Welt, auf dem Pfade der Tugend Jesu, muss die Unterstützung des Kampfes gegen Judenhass und Antizionismus gehören. Es gibt kein Heil ohne die Juden! Daher rufen wir alle Menschen guten Willens aus allen Ländern, Nationen und Religionen auf an einer gemeinsamen Diskussion teilzunehmen, um sowohl den festgefahrenen politischen Prozess im Nahen Osten neu zu beleben, wie auch das Festhalten an unserer gemeinsamen jüdisch-christlichen Zivilisation zu besprechen.



Dr. Boris Altschüler ist Vorsitzender der Deutschen Aschkenas-Gesellschaft.



Die Kommentare stellen keine redaktionellen Meinungsäußerungen dar. Die Redaktion behält sich vor, Texte zu kürzen.


«Jüdische Zeitung», Mai 2012

Quelle

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